Die Genderperspektive in der Fotografie

berlin

Anlässlich der Premiere des Fotobandes Tuija Lindströms fand heute eine Podiumsdiskussion in der Nordischen Botschaft in Berlin statt.

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Die hart umstrittene schwedisch-finnische Fotokünstlerin ist nicht nur eine engagierte Feministin, sondern seit den 80ern eine wahre Avantgardistin und Schwedens erste weibliche Kunstprofessorin.
Zusammen mit dem Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler, der Direktorin des Fotomuseums Finnland in Helsinki, Anna-Kaisa Rastenberger, und der Kuratorin Power Ekroth diskutierte sie ob und welche Unterschiede zwischen den Geschlechtern innerhalb der Institutionen heute noch gemacht werden, wenn es um Ausstellungen und Sammlungen geht und setzte dies in den Vergleich zu damals.
Moderiert wurde das Gespräch von Elke Buhr, stellvertretende Chefredakteurin von MONOPOL – Magazin für Kunst und Leben.

Zu Beginn der Diskussionsrunde legte Tuija den Zuhörern dar, wie sie überhaupt zur Fotografie gekommen ist.
In ihren jungen Jahren war die geborene Schwedin äußerst schreibbegeistert, legte ihre Gedanken und ihre Meinung gerne in Worten dar. Doch irgendwann innerhalb ihrer Entwicklung hatte sie auf einmal das Gefühl ihre Stimme verloren zu haben, so als wäre es egal was sie schrieb, als hätte es an Identität eingebußt.
Sie suchte nach einem neuen Medium, um sich zu äußern und merkte sehr schnell, dass die Fotografie ihr die Tür dahingehend öffnen würde.
Sie merkte schnell, dass sie durch diese Art der Ausformulierung ihre eigene Geschichte erzählen kann und sich ebenso politisch äußern und platzieren kann.
Ein Grund warum sie doch so oft als schwedische Fotokünstlerin benannt wird, trotz ihrer finnischen Wurzeln, ist der schwedische avantgardistische Grundgedanke den ihre Bilder in sich tragen.
Nachdem sie während ihres Studiums die Aufgabe bekam eine Aktserie mit weiblichen Modellen zusammen zu stellen zögerte sie erst, entschied sich dann aber doch sich diesem Thema offen und positiv zu widmen.
Interessanterweise änderte sich dieser, in Zuversicht gewandelte Geisteszustand in dem Moment in dem sie sich hinter der Kamera positionierte wieder schlagartig. Auf einmal hatte sie wieder das Gefühl wie ein Mann auf den entblößten, weiblichen Körper dort vor ihrer Linse zu starren.
Ein Zwiespalt bzw. eine Diskussion die bei all ihren Fotografien deutlich erkennbar ist.
Es brauchte ein wenig Zeit bis sie erkannte, dass der Ansatz weder weiblich noch männlich sein sollte sondern einfach ihr persönlicher, ihre ganz individuelle Sichtweise.
So fotografierte sie beispielsweise eine wunderbar intime Rückenansicht oder spielte mit starkenm Schatten am Körper des Models anstatt voyeuristisch ihren Genitalbereich abzulichten.

Anna-Kalsa Rastenberger erklärte daraufhin, dass genau das der generelle Ansatz dieser avantgardistischen, schwedischen Bewegung in den 80er Jahren war, im Grunde eine geschlechtslose und eine eigene Sichtweise zu entwickeln; nicht gegen etwas zu sein, sondern für das eigene Sehen.
Ich war äußerst verwundert, dass das erst zu dieser Zeit eine Bewegung in der schwedischen Aktfotografie war und nicht schon sehr viel früher.
Thomas Köhler verwies im Anschluss daran darauf, dass Berlin eine der boomenden Städte ist, wenn es um Frauen in der Fotografie geht. Als stellvertretende Beispiele nannte er den Letteverein und die TU.

Auch wenn es früher möglicherweise mehr darum ging die Damen der oberen Schichten zu amüsieren und weniger um die Bildung dieser, so gibt trotzdem seit den 1880ern Universitäten an denen Frauen Fotografie studieren.
Auf Elke Buhr´s Frage inwieweit darauf geachtet wird bei der Auswahl der ausstellenden Künstler ob sie weiblich oder männlich sind, waren die Diskussionsteilnehmer sich relativ einig, dass an dieser Stelle die Qualität der Kunst im Fokus der Auswahl steht.
Der Unterschied, der doch erkennbar war, ist das in Berlin aus einer natürlichen Entwicklung heraus die Geschlechter gleich vertreten sind, jedoch aber in Schweden die männlichen Künstler stärker .
Anna-Kalsa Rastenberger erwähnte an dieser Stelle ihre Idee, die sie mal in den Raumgestellt hatte bei einer Diskussion über die Zusammenstellung der kommenden ausstellenden Künstler, ausschließlich Männer zu wählen – allein aus dem Selbstversuch heraus zu schauen wie lang es wohl dauern mag bis die Besucher diesen Entschluss bemerken und wie sie darauf reagieren.
Leider wurde dieser, meiner Meinung nach hochinteressante Vorschlag abgelehnt.
Ein außerdem noch spannender Aspekt, den ich aus dieser Runde mitnehmen konnte, ist die Erfahrung, die Tuija Lindström machte, als sie ihre Bügeleisenfotografien veröffentlichte.

Ihre Mutter hatte sich damals oft beschwert, dass Tuija ihre Kleidung nicht bügelte und stand daher sehr häufig demonstrativ und laut singend auf der Veranda und bügelte ihre Wäsche und stellte anschließend das Bügelbrett direkt neben das Bett der Künstlerin.
So charmant wie Mütter nunmal manchmal sind trieb sie Tuija damit in den Wahnsinn.
Als sie eines nachts ihr einjähriges, schreiendes Kind im Halbschlaf umher trug hatte sie in einer Art fieberhaftem Zustand ein Bild von einem sakral wirkenden Bügeleisen vor Augenund wurde laut eigener Aussage total verrückt.
Sie fotografierte direkt mehrere Versionen von Bügeleisen, immer aus dem selben Winkel, mit dem selben Ausschnitt. Für sie hatten diese Abbildungen etwas spirituelles, meditatives.
Umso schockierter war sie, als sie hörte was andere dort hinein interpretierten.
Voller Ernst wollten männliche Besucher ihrer Ausstellung den Schutz der Frau in diesen Bügeleisen sehen. Andere wiederum sahen darin eine öffentliche Kritik an den vielen Frauenvergewaltigungen zu dieser Zeit. Diese Interpretation führte sogar zu soviel Wut, dass diese in Mordandrohungen von diversen Pressefotografen endete. Weniger schmeichelhafte Spitznamen wie „Hexe“ oder die „Eisen Professorin“ wurden ihr gegeben.
Eine Reaktion, die die Künstlerin damals sehr mitnahm und traurig machte. Eine Traurigkeit, die sie glücklicherweise schnell verwarf aufgrund der guten Unterstützung, die sie hatte und das Selbstbewusstsein, das ihr Kämpfergeist aufbaute.
Heute geht sie sogar soweit zu sagen, dass sie mit der Fotografie verheiratet sei. Die Kamera sei für sie der metaphorische Schlüssel aus dem Gefängnis in das sie die Gesellschaft und ihr Umfeld sperren wollte. Was für ein wundervolles Resumee!
Doch jetzt seit ihr gefragt! Findet ihr auch, dass man dieses Thema heutzutage wirklich noch diskutieren muss? Ist es nicht egal ob der Künstler eine Vagina hat oder einen Penis?
Habt ihr das Gefühl Frauen werden in Schweden oder Finnland benachteiligt in der Kunst? Und wenn ja, wäre es nicht egal, wenn die Werke der Männer nunmal einfach besser wären?
Findet ihr es gibt zuviele wie in dieser Runde betitelte „männliche“ Sichtweisen auf den weiblichen Körper? Oder sind wir nicht schon lange über diesen Punkt hinweg?
Was haltet ihr von Feministen? Brauchen wir diese in Finnland, Schweden und Deutschland noch?

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