The Gipsy – Ein Interview zu authentischem Stil in der Ära der Anpassung

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Was macht eigentlich unseren persönlichen Modestil aus? Entsprechen die Klamotten die wir tragen wirklich unserem authentischen Selbst oder werden künstliche Bedürfnisse erschaffen, welche uns lediglich erlauben, uns selbst als Erscheinungsbild eben dieses künstlich geschaffenem Gesellschafts-Ich darzustellen? Wie sieht für dich ein erfülltes Leben aus, zerkratzt du dir die Schläfe wenn nicht alles nach Plan läuft, schmiedest du dir deine Pläne selber oder ist es etwas anderes dass da die Fäden zieht? Das Leben eines Vagabunden jedenfalls schließt Fehlschläge nicht aus. Er steht der Welt offen gegenüber, stibitzt hier und da mal ein Kleidungsstück um nicht ganz nackt herumzustrolchen. Er versucht sich nicht mit Tonnen schwerer Goldketten zu behängen, definiert sich nicht durch vorherrschende Trends sondern lässt die Umstände seines Lebens und seines Charakters die Kleidung die er trägt bestimmen. Für Gaffer Deluxe habe ich eine Person meines Bekanntenkreises getroffen, die sich diesem Lebensstil verschrieben hat.

Wieso entspricht dein Kleidungsstil eher dem Zufall und wie kommst du zu deinen unterschiedlichen Errungenschaften?
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so sicher ob sich mein Kleiderschrank bzw. Koffer den Umständen meines Lebensstils angepasst oder ob er sich unterbewusst meinen Überzeugungen angenähert hat. In meiner Jugend war ich immer wenig Zuhause, ich habe immer mehr Gefallen daran gefunden in der Wahl meiner Schlafplätze sehr flexibel zu sein und von da aus direkt weiter zu können, so kam es, das sich mit der Zeit meine Klamotten mit denen meiner Freunde von überall vertauscht und vermischt haben, aus dieser Zeit stammt auch der Name „Gipsy“ welcher sich unabhängig in verschiedensten Freundeskreisen für mich etabliert hatte. Mittlerweile weiß ich in den meisten Fällen nicht ob der Pulli jetzt von diesem oder jenem stammt, gefunden oder ergaunert ist. Mir fällt es auch nicht auf das so gut wie alles was ich trage nicht von mir stammt, wenn ich dann aber doch mal kurz darauf aufmerksam gemacht werde, zB durch ein „Krass?! Dass ist das Shirt dass ich vor vier Jahren in Israel gekauft habe!“, seitens eines meiner Freunde, dann fällt mir auf das höchstens eine der Sachen die ich gerade trage, von mir selber gekauft ist.

Was gefällt dir so gut daran, dich nicht einer weitsichtigen Lebensplanung zu unterwerfen?
Ich denke ich mag einfach das Gefühl an keinen Ort zu fest gebunden zu sein, weder an einen physischen, noch an einen geistigen. Ich empfinde Materiellen Besitz schnell als Belastung welcher einen in der persönlichen Freiheit einschränken kann, genauso kann meiner Meinung nach eine allzu weitsichtige Zukunftsplanung dich davon abhalten in deiner Entwicklung flexibel zu bleiben. Gleichzeitig muss man sich darüber im Klaren sein, dass man es in unserer Gesellschaft nicht unbedingt leicht hat wenn man an so einer Sicht festhält. Da ich jedoch zu wissen glaube in welchen Maßstäben ich meine Lebensqualität bewerte, fällt es mir recht leicht diese Repressionen als nicht allzu wichtig zu nehmen.

Zwischenzeitlich warst du ohne festen Wohnsitz und bist von Couch zu Couch gereist. Was macht diesen Lebensstil für dich aus, wieso praktizierst du ihn?
Ich denke diese Frage wird mit der Antwort auf die zweite Frage ausreichend behandelt. Außerdem spart man auch ganz schön Geld wenn man keine Miete zahlt! (lacht)

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Wie definierst du einen authentischen Modestil?
Das ist eine interessante Frage, anders als man vielleicht denken könnte habe ich Mode als Ausdruck immer einen gewissen Wert beigemessen. Als ich so 13 oder 14 war habe ich dass in Form von Subkulturen praktiziert, ich habe zum Beispiel fest daran geglaubt das ich noch mit 40 ausschliesslich Baggys und weite Shirts tragen werde, einfach weil das für mich authentisch war. Ich habe bei mir selber keinen Zusammenhang mit einem Trend gesehen sondern in meinen Klamotten mein Bekenntnis zu meiner Subkulturellen Überzeugung gesehen. Ich habe jedoch gelernt das Subkulturen und eine allzu enge Auslegung derer Quatsch sind, das sperrt einen ein, da ist man doch nicht bei sich selbst sondern folgt nur den Aussagen einiger weniger. Genauso wie das bei Trends ist, diese sind ja zum einen Spiegel unserer Gesellschaft und damit ist Mode ein vermeintlich glaubwürdiger Indikator was die Stimmung der Menschen angeht. Es ist jedoch ein Ur-Kapitalistisches System in welchem sie agiert, ein System in dem unsere Stimmung durch einfache Mechanismen gelenkt wird. Sei es die Popkultur oder geht man tiefer und spricht direkt von den großen Konzernen welche diese wie ein Doktor Mabuse aus dem Hintergrund an Fäden lenkt! (lacht) Nee Spaß aber dadurch geht natürlich ein großer Teil der Authentizität verloren. Ich kann mich natürlich von alldem nicht frei sprechen, ich bin ja selber Teil des ganzen. Ich habe jedoch für mich einen Weg gefunden mich möglichst authentisch zu kleiden, einfach in dem ich kaum selbst entscheide was ich da trage sondern mich von den äußeren Umständen geleitet von meinem Lebensstil, welcher sich durch meine Überzeugungen prägt, kleiden lasse.

Wie sieht ein erfülltes Leben für dich aus?
Ein erfülltes Leben macht sich für mich nicht zu sehr abhängig von Konformen, Trends und Gesellschaftlichen Zwängen. Ich versuche einfach ne Menge Freude ab zu kriegen, unabhängig davon was der eine für Freude hält und der andere nicht, dabei helfen mir die Menschen aus meinem Umfeld die ich Liebe und ohne die ich gar nicht mehr authentisch gegenüber mir selbst sein könnte. Wenn ich dann noch ab und zu gut esse und etwas schlafe bin ich ganz zufrieden.
Vielen Dank für dieses Gespräch.

Interview: Ilona Lindenschmidt, Interview Partner: Frank Hofacker, Fotos: Felicitas Springorum

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