Die Schwere der Leichtigkeit. Wie wir uns die Zeit erfanden…

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Frohe Weihnachten! …anbei eine Kurzgeschichte von mir über die Schnelllebigkeit in unserer heutigen Gesellschaft, Hektik und Stress, Spaß an der Freude, die Angst vorm Scheitern und über das große Gefühl zum Leben!
Viel Spaß beim Lesen ♥

Umso erwachsener ich werde umso mehr habe ich das Gefühl zu vergessen was es heißt ein glückliches, genussvolles Leben zu führen. Als Kind bleibt einem noch all die Hektik der Gesellschaft erspart. Man läuft frei und munter durch die Gegend, mit einem tief freudigen Lachen, das absolut ehrlich ist. Ein Lachen das voller Liebe zum Leben steckt und das sich mit jeder neuen Entdeckung immer mehr häuft. Freudig strampelt man sich durch die seichten
Grashalme im Garten der Eltern und lässt sich die Sonne friedlich auf die Nasenspitze scheinen. Bei dieser Erinnerung erfüllt mich ein wohliges Kribbeln, das sich durch meinen ganzen Körper zieht und ich fange an fröhlich mit den Füßen zu wackeln, weil es mich so unglaublich freut.
Damals fand man sich an Orten wieder, die plötzlich voller Phantasie erstrahlten, an plätschernden Bächen und in Wäldern zwischen dichtgeschmücktem Nebelgras und lauter Zwillingsbirken und spann sich die abenteuerlichsten Geschichten zusammen. Es wurden Hütten aus umherliegenden Stöcken gebaut und zum beisammen sein traf man sich unter trillerndem Pfeifen und tobendem Laub auf der nächsten Lichtung. Kindliche Leichtigkeit.
Ich war ein drolliges Kind, drollig ist gut, ich glaub ich habe es immer so weit getrieben, dass ich alles bekommen habe was ich wollte. Hatte eine meiner Methoden mal nicht funktioniert, verwandelte ich mich in absolute Raserei. Kind, haste Tollwut? Ich schnappte mir immer eine meiner Puppen und schlug diese wild tobend gegen alles was sich mir in den Weg stellte. Mein kleiner Bruder fand das immer super: „Jahahaha, schlag sie!“, brüllte er immer und wir lachten.
Mein Interesse galt schon immer besonders den Menschen die mich umgaben. Ich konnte stundenlang zusehen wie sie Gespräche führten und miteinander agierten. Ihre Körpersprache verriet dabei so viel von ihrem eigentlichen Befinden, dass sie meistens versuchten vor dem Gegenüber in ein gutes Licht zu rücken. Nur nicht aus der Rolle fallen und Haltung bewahren.
Oft sprachen sie recht hektisch und in einem ernsten schuldzuweisenden Ton miteinander, der sich dann mit jedem weiteren Schluck Rotwein in schwallende Gefühlsduselei ergoss. Mir war als hörten sie einander nicht richtig zu, stattdessen reihten sie irgendwelche Gerüchte aneinander, die sie irgendwo aufgeschnappt hatten, nur um etwas erzählen zu können. Jedes Mal nickten sie sich eifrig zu und wenn sie voneinander abließen versanken ihre Augen in farblose Nässe mit einer Miene der Gleichgültigkeit. Ich wünschte mir kleine Lauscher an ihre Seite, für jeden einen ganz persönlichen, der sie so lieb hatte wie sie im Einzelnen waren und ihnen die volle Aufmerksamkeit schenken würde, die sie verdienten. So eine zottelige gute Zuhörerin wie es Momo ist, die sich liebevoll jedermanns Geschichte anhört und sie auch verstehen will. Jemand der warten kann bis einem die passenden Worte einfallen, auch wenn es Stunden dauert und in der Zwischenzeit schon wieder vergessen wurde wonach man eigentlich gefragt hatte. So wie es bei Momo mit ihrem alten Freund Beppo ist, wenn er ihr seine großen Gedanken erzählen will:…“(…) da sie auf ihre besondere Art zuhört, löste sich seine Zunge, und er findet die richtigen Worte.“

Putzig warste Hellen, sagt Mutter immer, mit deinem hellblond gelocktem Haar, der Stupsnase und den Regenbogenaugen die dich voller Begeisterung anblicken konnten. Damals, bis ich in das Alter kam wo mir fast keine andere Wahl blieb, als mir eine Rolle in unserer Gesellschaft zu suchen.

Lerne in der Masse zu schwimmen, denn sonst gehst du unter.

Ganz ehrlich, wäre ich Schauspieler in einer anderen Galaxis und hätte die Wahl, ich hätte die Rolle dankend abgelehnt. Mir geht es wunderbar, ja sicherlich, deswegen habe ich auch die Zeit mir darüber Gedanken zu machen was mich so unglaublich an ihr stört.
Liebe Rolle, du bist so strukturiert, so optimiert und durchgeplant, ich habe dich nicht gern, weil ich Angst davor habe meine Vielfalt in dir zu verlieren.

Zeit, oder nennen wir sie die Spitze der Blockierung sich Entfalten zu können, ohne Angst davor zu haben, dass man in seiner individuellen Entfaltung einfach zu langsam ist, entgegen der gewollten Optimierung in voller Perfektion funktionieren zu müssen. Gehen wir noch ein Stück tiefer, funktionieren wir nicht Einmal für uns Selbst.
Stress ist unsere Krankheit.

Lauf mein Kind, lauf schnell sonst sind die Anderen schneller.

 

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Nachdem ich die Realschule, eine Grube des stumpfsinnigen Auswendiglernens hinter mich gebracht hatte, kam ich aufs Gymnasium um ein Abitur dranzuhängen (das war auch nicht viel fördernder, aber so sollte es ja sein lieber Staat). Was für eine Wahl hatte ich, ich wollte ja gerne etwas kreatives studieren und mit meiner noch pflichtbewussten, antrainierten, gutbürgerlichen Sicht wäre ich nicht ins nächste Hippiedorf ausgewandert, sonst hätten mich Mutter und Vater sicherlich zur Adoption freigegeben. Dafür war mir mein Nest zu bequem. Scheint es heute immer noch zu sein. Statt Hippiedorf zog es mich nach Berlin.

Ich hasse Zeitdruck und Termine und meist stecken hinter den Terminen Pflichtaufgaben hinter denen ich weder mit meinem Herzen noch mit meinem Verstand stehe. Gefühlt sind sie reine Lebenszeitverschwendung. Jeden Tag merke ich wie ich wieder ausgesaugt werde von den Aufgaben die tagtäglich als Pflicht gelten. Funktioniere, optimier dich, plan dich richtig, dann läuft die Sache schon rund, hör ich von allen Seiten. Welche Sache läuft da rund? Ich merke nur dass ich auf keine Weise mehr laufe und vor allem bremst es mich in meiner Kreativität zu festen Zeiten Abgaben zu haben. Ich bin nicht entspannt auch wenn ich es gerne wollte. Wenn ich einen Vortrag halte, habe ich Angst alle Worte zu verlieren, oder ich fühle mich so unter Druck das ich nicht das sage, was ich eigentlich gemeint habe, nur noch Wortfetzen, unverständlich. Keiner versteht etwas und Niemand hat etwas davon. Wie wäre es mit einem Logopäden? Wie schön wäre ein anderes Grundgefühl vom Gegenüber zu spüren, so wie Momo es Beppo vermitteln kann, der manchmal Stunden braucht die passenden Worte für seine Gedanken zu finden: „ Sie konnte so lange warten und verstand was er sagte. Sie wusste dass er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen.“ Hätten wir den Freiraum unsere Leidenschaft so auszuleben wie es zu unserem Wesen am besten passt, würde sich aus lauter Freude nicht unser Tun automatisieren?
Vom modernen Zeitgefühl vergiftet rauschen wir aneinander vorbei und ich frage mich wo da noch Platz sein sollte für ein glückliches Leben?

Mein Kind du bist nicht schnell genug.

Lauschfreund

Wer bin ich überhaupt in dieser Schlacht von Welt, einbetoniert in Pantoffeln der Bequemlichkeit. Dreht sich alles um mich, oder lasse ich alles um mich drehen? Eigentlich denke ich viel an dich, doch die Zeit wird es mir schon nehmen. Vielleicht sollte ich dich ihr nicht überlassen, da du mich so fein entgiftet hast und doch waren wir Last füreinander und Freiheit zugleich. Herr Lauschfreund, sie haben die schönsten Lauscher die ich je in meinem Leben erblickt habe. Es gibt sie nicht flauschiger, nicht wohlgeformter nicht anschmiegsamer. Ein großes Gefühl. Noch größer das Gefühl zum Leben. Wie oft bin ich wutentbrannt aus Zimmern gerannt und dann ohne ein Klagen deinerseits, nahmst du mich in deine Arme. Zerzaustest mir Gedanken und nahmst mir die Angst, weil mein Kopf doch nur Schwarz sah.

Die Raserei aus Kinderzeit, wir sind immer noch Eins. In Arbeit.

Bleib kopfbunt mein lieber Freund, dann liegt dir die Welt zu Füßen. Vergiss dein nicht du quirliges Wesen und wenn dir deine Welt wieder droht in Scherben zu zerspringen und du Angst hast deinen Idealvorstellung nicht gerecht zu werden, verwerfe das Knäul aus Gedanken und nimm dir die Zeit: fühle.
„Wer fühlt hat recht“, mein lieber Matze.
Und wenn sich wieder ein riesiger Haufen an Arbeit türmt ,der unbewältigbar scheint, sieh dir nicht den ganzen Haufen an, der dich in Panik versetzt und du versuchst dich zu eilen, immer schneller und er wird kaum sichtbar kleiner, du wirst es aber, denn überrollt von der Angst und dann kannst du zum Ende hin kaum noch mehr und er ist immer noch da, dabei gibt es dich kaum noch. Gehe vielleicht das kleinste Übel an und wenn das einmal geschafft ist, siehst du deine Augen auffunkeln und bist gestärkt das Nächste zu tun, dann nimmt die Freude dir die Angst und der Haufen ist auf Einmal verschwunden und du bist noch ganz, mit einem strahlen im Gesicht, so wie ich es liebe.

Vielleicht sind wir krank. Ich find meine Dauernervosität zumindest ziemlich unangenehm und ich glaube, dass ich mir sie nicht selbst ausgesucht habe. Eins, zwei,…zehn Jahre nervöses Zucken, weil mein intuitives Gefühl nicht davon ablassen will, dass wir uns alle verpassen.
Großstadtdschungel Berlin. Ich gehe manchmal bewusst vor die Tür und suche mir irgendwelche Wege durch die Stadt, ob zu Fuß, mit Bus oder Bahn, Hauptsache ich begegne vielen Menschen. Bewusst in dem Sinne, dass ich daheim tief Luft hole, genau in den Momenten die mich wieder so sehr stressen und mir vor Augen halte, dass das Leben doch so schön sein kann, wenn man es von innen nach außen auch bewusst Lebt. Was heißt schon leben? Für mich heißt es so viel glückliche Momente zu sammeln wie es nur möglich ist und sie zu teilen. Unter Aufsicht dieses Gedanken bildet sich mit jedem tiefen Atemzug eine warme, strahlende Kugel in meinem Bauch, die mir dann mit einem zufriedenen Grinsen zu Kopf steigt und meine Regenbogenaugen fangen an zu strahlen. Mit diesem Glanz in den Augen habe ich das Gefühl, ich könnte die ganze Welt umarmen. Dann begegne ich Leuten die völlig gestresst aneinander vorbeilaufen, mit Mundwinkeln die so tief eingefurcht sind als hätten sie nie zuvor gelacht. Ich bleibe dann oft in Mitten dem Menschengetümmel stehen und beobachte wie alle aneinander vorbeiziehen oder sich gegenseitig umrennen. Es ist nicht Einmal mehr einfach in irgendein paar Augen eintauchen zu können, da alle so rasch aneinander vorbeiziehen oder aber ihr Leben ins Smartphone verlagert haben. Doch wenn ich dann ein Augenpaar finde, in das ich mich verlieren kann, ist das meist eine wunderschöne Sache, in dem schnellen Rausch doch noch ein Lachen miteinander teilen zu können…Ich liebe dein Lachen und das Leuchten in deinen Augen, wann strahlst du?…

Um die Weihnachtszeit ist dann alles tausend Mal so schlimm wie sonst. Jeder ist bemüht sich um irgendetwas passendes für seine Liebsten zu kümmern, dafür trampelt man den unbekannten Nachbarn auch gerne mal um, er könntet ja genau das selbe Geschenk wollen, also wieso nicht um die Wette rennen und den schon angestauten Aggressionen freien Lauf lassen?
Ich freue mich über jeden Scheiß, aber lasst ihn doch besser bleiben, denn eigentlich freue ich mich doch viel mehr über euch.
In den Bergen von Produkten, die wir scheinbar alle brauchen um ein glückliches Leben zu führen, scheint es viel einfacher zu sein unsere Freude über diese Produkte zum Ausdruck zu bringen, als sie auf direktem Wege miteinander zu teilen.
Vor ca. einem Monat flog ich für ein paar Tage nach Kopenhagen und landete in der Innenstadt, ich glaube so eine lange Einkaufsstraße hatte ich bis da noch nie gesehen. Kauf dich glücklich, oder bekloppt. Es war der zweite Abend und ich wagte mich aus der Wohnung, in der ich hauste. Mich plagten schon seit dem Vortag ungeheure Schmerzen, da sich mit einem Monat Verspätung langsam aber endlich die Gebärmutterschleimhaut in mir ablöste und nur so aus mir herausbrach. Ich spazierte zum nächstgelegenen Supermarkt um mir eine Flasche Wodka zu kaufen, da sämtliche Schmerztabletten die ich zuvor genommen hatte versagten. Wunderbar magenfreundliche Kombination. Irgendwie gewöhnte ich mir von Zeit zu Zeit an, Wodka pur zu trinken oder mit Tee. Da ich keinen Tee hatte, halt Wodka pur, frisch aus dem Fläschchen. Fröhlich zog ich mit der Wodkaflasche in meiner Manteltasche baumelnd die riesig lange Einkaufsstraße entlang. Überall Weihnachtsdeko und schummriges Licht, alle anderen im Shoppingwahn und dazwischen ich und Lidl’s guter Rachmanninoff. Was gibt es Schöneres. Man könnte meinen ich bin Alkoholiker.

Ich bin sehr stressempfindlich und wenn ich gestresst bin habe ich Angst. Riesengroße Angst meinen Aufgaben nicht gerecht zu werden, doch meistens stresst mich der Gedanke viel mehr dass wir unser Leben anders strukturieren könnten, ohne dass Stress überhaupt existieren müsste. Jetzt frage mich wie?
Eine weiße Wand, vor ihr liegen tausend Farben und Pinsel und in meinem Kopf tickt die Uhr, sie tickt und tickt. Meine Hände zittern, mein Blick ist glasig, ich wünsche mir einen Flachmann der mich in seine Arme nimmt und sagt: ruhig Mädchen, das wird, entspannt bleiben, du bekommst das schon hin. Ich schlafe und das tagelang. Im Schlaf erschlagen mich Zahlen, sie bohren sich durch meine Gedanken und bringen Adern zum platzen, mein Magen zieht sich zusammen und ich würde am liebsten brechen, stundenlang, ändern würde sich ja doch nichts. Soviel Verschwendung in den Armen der Angst. Ich lebe doch nicht dafür dass ich vom Stress zerfressen werde, doch so oft hat er die Überhand. Eisige Kälte hält mich fest und summt mir ein Lied der Schlaflosigkeit. Meine Augen hellwach, ich kann sie nicht schließen, weil auf ihnen eine splittrige Schicht der Panik liegt. Manchmal gehe ich dann spazieren mitten in der Nacht, den Landwehrkanal entlang und genieße die Stille und die Dunkelheit die mich umhüllt, ein Gefühl als hätte ich alle Zeit der Welt.
Was genau erfüllt eigentlich unser Leben? Verbringen wir überhaupt einen Großteil unserer Zeit mit den Dingen die uns glücklich machen, die unsere Talente ausschöpfen?! Wahrscheinlich nicht, denn wir haben oft nicht die Wahl uns um unsere innigsten Bedürfnisse zu kümmern. Was ist mit dem schreienden Kern in unserem wohl gepflegten Gehäuse? Ein Affe sieht, ein Affe tut und spaziert an Ketten jeden Tag zu seinem Job. Reingestolpert in die Lohnabhängigkeit.
Ich studiere Mode, ja es ist mir bewusst, dass ich mir ein super Fach ausgesucht habe, das von Hektik und Stress nur so lebt. Jedes Jahr neue Kollektionen, die dir erzählen wollen: kaufe mich trage mich, sei immer auf dem neusten Stand, sie werden dich alle lieben. Schließ dich einer Subkultur an und vergiss die Angst davor abgelehnt zu werden, sei eins mit ihnen und du gehörst dazu. Einbetoniert in dem Pantoffel der Bequemlichkeit, weil ja noch irgendwie alles läuft.
Mir juckt meine Schläfe und der ganze Kopf, ich kratze ihn wund und das in meiner Rolle schon seit, eins, zwei…zehn Jahren.

 

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Ein Gedanke zu “Die Schwere der Leichtigkeit. Wie wir uns die Zeit erfanden…

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