Turiner Lichter

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Es scheint ein Projekt aus einer anderen Zeit zu sein: Zur Weihnachtszeit lässt Turin seine Straßen von unzähligen Künstlern in bunte Lichtergassen verwandeln. Jede bedeutende Straße wird von einem Künstler gestaltet, oft sind die Installationen hunderte Meter lang. In einer Zeit, da die Leuchtreklamenraserei der 1920er Jahre in Westeuropa lang vergessen ist, Umweltschützer weltweit vor „light pollution“ warnen und manch eine Stadt ihre Beleuchtung aus Kostengründen zurückschraubt, hat dieses Projekt etwas Vermessenes, ja Verschwenderisches. Entsprechend skeptisch spaziert man entlang der ersten, schlichten Installationen auf der Via Po, einer Prachtstraße, die vom Fluss in Richtung Altstadt hinaufführt. Doch wie groß die Vorbehalte auch sein mögen – einmal in der Altstadt angekommen, kann man sich dem Zauber der Lichterspiele schwerlich entziehen. Kein Gedanke mehr an Energieverschwendung und Lichtverschmutzung: Filigrane Lichternetze spannen sich über die Fußgängerzone, keck leuchtende Vögel zwitschern über der Hauptstraße, vom Parlament zum Bahnhof spannen sich in bunten Buchstaben wortreiche Betrachtungen über die Unmöglichkeit zwischenmenschlicher Verständigung. Die in Deutschland kaum jemandem bekannten prächtigen Bauwerke der Turiner Altstadt werden so wunderbar inszeniert. Alle Welt redet von Mailand. Turin aber war die Hauptstadt Piemonts und sogar die erste Hauptstadt Italiens. Dieser Vergangenheit verdankt es ein Schloss im Herzen der Stadt, ein imposantes Parlamentsgebäude aus leuchtend rotem Backstein, dazu kommen der Dom und zahlreiche Kirchen. Galerien beherbergen reich verzierte Jugendstilcafés, Theater und Museen. Die Hauptstraßen sind von Arkaden gesäumt, durch die man kilometerlang schlendern kann, vorbei an Geschäften, Universitätspalästen und Kirchen. Überall strahlt die Stadt eine selbstverständliche Eleganz aus, eine jahrhundertealte Noblesse, zu der sich das großspurige Mailand verhält wie Paris Hilton zu Audrey Hepburn. Man muss nur den Lichtern folgen, um all das zu entdecken. Hier und da ersetzen die Installationen schlicht die gewöhnliche Beleuchtung, Straßen und Plätze werden nicht stärker, sondern anders beleuchtet. Man schlendert durch die Stadt wie durch ein Museum und beginnt, sich der Bedeutung von Licht im öffentlichen Raum bewusst zu werden. Und vom Leben in Städten zu träumen, die nicht in immergleichen hellgelben Lichterglanz getaucht sind, sondern so wie Turin in allen Farben funkeln, mal zurückhaltend schummrig, dann selbstbewusst hell. So bewirkt das Turiner Lichtermeer letztlich eine bewusstere Haltung zum Licht in unseren Städten – und ist dazu von magischer Kraft.

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