We Know That Shit Ain’t Real – Gedanken über Schönheitsideal und Mode

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Mode umfasst viel – Trends, Business, Handwerk, Design; Möbel, Schmuck, Kleidung…..

Etwas, das oft hinten runter fällt, im Dialog über Mode oder Kleidung ist die Grundlage dessen: Körper.

Ohne Körper keine Kleidung, keine Gedanken über Passform, Schutz vor äußerlichen Einwirkungen, Bewegungsfreiheit, Situationsabhängigkeit, doch letztendlich auch: Ästhetik.

Scham und Unsicherheiten

Ich bin eine weiße Frau, ca. 1,70 m groß, ca. 60 kg schwer. Nichts außergewöhnliches also. Das zu schreiben, konkreter: Mein Gewicht an zu geben, kostet mich Überwindung. Obwohl ich nicht dick bin, obwohl mein Körper beinahe dem Schönheitsideal entspricht oder zumindest der „Normalität“ – obwohl ich Feministin bin und lange und hart daran gearbeitet habe, mich und meinen Körper schön zu finden.

Trotzdem ist es schwer mein Gewicht öffentlich zu machen, trotzdem denke ich kritisch über diese Zahl und sie ist mir leider nicht ganz egal, wenn ich sie mal vor mir sehe.

Wir alle haben ein klares Bild von schönen (Frauen) Körpern im Kopf. Die Google Bildersuche zu „beauty“ und „model“ ergibt ein sehr homogenes Bild:

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Der Ausschluss ist deutlich: Menschen, die dick sind, dunklere Haut, weniger glatte Haare, nicht-europäische Gesichtszüge, Behinderungen haben oder nicht einer „deutlichen“ Geschlechtsperformance entsprechen, gelten als weniger oder nicht schön. Doch bilden eben genau diese Menschen schätzungsweise 90% der Weltbevölkerung.

Für wen wird Mode gemacht?

Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Klar, Ausnahmen mag es auch in der Modebranche geben, doch sind diese noch lange keine Garantie für wirkliche Gleichberechtigung. Wenn auf einer Show von 40 Looks, 2 von Models of Color getragen werden, bedeutet das noch lange nicht richtige Repräsentation. Schon gar nicht, wenn diese Models mehrheitlich sehr europäische Merkmale haben.

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In unserem Modealltag ist ein auffälliges und großes Problem die Einteilung in „Übergrößen“ (ab Größe 42,44) und… tja, wohl „normale“ Größen.

Auf der Mercedes Benz Fashion Week Berlin gibt es neben all den anderen Fachmessen auch eine Übergrößenmesse, die Curvy is Sexy. Allein der Standort – Spandau – zeigt, was für eine Rolle das Konzept auf der Berliner Fashion Week spielt. Im Shoppingalltag zeigt sich das gleiche Problem:

Übergrößenmode ist oftmals vor allem eins: andere Mode. Neben der „normalen“ Kollektion erscheint eine Kollektion extra für Menschen, die Übergrößen brauchen. Diese ist oft dementsprechend ausgelagert und in einer eigenen Ecke des Ladens zu finden oder nicht einmal überall erhältlich. Zum Teil wird Übergrößenbekleidung außerdem teurer verkauft als gleichwertige Kleidung im selben Geschäft.

Übergrößenmode ist vor allem ein Phänomen der vertikalen Unternehmen, wie H&M, Topshop oder dergleichen. Bei Luxus- und Designermode ist es extrem schwierig größere Größen zu finden, oft reicht es nicht mal bis zu einer 42. Sehr deutlich wird das am Beispiel H&M. Während die regelmäßigen Kollektionen eine Übergrößenkollektion beinhalten, sind die Designer-kollektionen (wie H&M x Karl Lagerfeld) lediglich in den „normalen“ Größen zu finden.

Weil Sie es sich wert sind

Wollen dicke Menschen also keine moderne Kleidung tragen?  Haben sie keinen Wunsch daran, auf zu fallen oder sich schön und dem Zeitgeist entsprechend zu kleiden?

Scheinbar wird dicken Menschen und vor allem Frauen*, denn für Männer* gibt es das Konzept „Übergrößen“ so tatsächlich nicht (das „normale“ Sortiment beinhaltet mehr größere Größen), nicht zugetraut sich so wohl und schön in ihrem Körper zu fühlen, dass sie ein Interesse daran hätten, das durch Kleidung und Styling zu unterstreichen.

Als ich mir die Übergrößenabteilungen der gängigen Modelabels anschaute, fiel mir vor allem eines auf: Traditionelle Weiblichkeit ist Muss. Überall Knallfarben, Rüschen, Spitze und Blumenmuster. Was tun, wenn eigentlich aber schlichte Stücke oder gar ein androgynes Styling gewollt sind? Überall werden die gleichen Dinge kaschiert und betont. So scheinen die Designer_innen von nur einer Art dicken Frau auszugehen: Einer mit schmalerer Taille, großer Brust und breiter Hüfte. Das ist jedoch logischerweise nicht immer der Fall.

Trotzdem gibt es einige Unternehmen, die das gezielt anders machen wollen. Das populärste Beispiel ist sicherlich Dove, die in ihren Werbekampagnen für Pflegeprodukte sehr unterschiedliche Frauenkörper zeigen.

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Doch auch hier wird ein homogenes Bild gezeichnet: Die Frauen in der Werbung sind zwar nicht dünn, doch selbst ich komme ins grübeln…. Wieso haben alle diese Frauen perfekt glatte Haut? Wo ist die Cellulite? Wo die Dehnungsstreifen? Was ist mit wirklich fetten Frauen? Und vor allem: Wo sind Frauen of Color? (Es gibt schon Dovewerbungen mit WoC aber natürlich sehr viel weniger…)

Money makes körperliche Ausbeute…

Das ärgerlichste bei all der Kritik jedoch ist: Sie ist nicht neu. Sie ist da und kommt von vielerlei Seite.

Gehört wird sie kaum.

Spielt sich die Modeindustrie als richtungsweisend und zukunftsprägend auf, passiert in der Realität nichts dergleichen. Der Status Quo bleibt bestehen und wird beliefert. Dabei wäre es ein leichtes unterschiedliche Models zu nutzen und auf Photoshop zu verzichten. Doch steht hinter der Diskriminierung hinsichtlich Gewicht, Hautfarbe, Haarstruktur, etc. ein profitabler Markt.

Es gibt kein gesundes Körperbewusstsein in einem Gesellschaftssystem, das in jeder Hinsicht auf dessen Ausbeutung beruht.

Die Lösung „einfach“ anders zu konsumieren greift nicht und ich finde es nicht erstrebenswert, Frauen* einen Vorwurf daraus zu machen Lippenstift zu benutzen oder ihren Körper zu verändern, weil es ihnen ein besseres Gefühl gibt.

Doch wo kann man bei all der Problematik ansetzen und vielleicht praktisch in die richtige Richtung wirken? Gerade als Modedesignstudentin will ich für mich radikale Strategien finden, in denen ich wenigstens Bewusstsein schaffen kann. Letztendlich glaube ich an die Macht, die Mode haben kann, da sie letztendlich alle anspricht und für alle wichtig und grundlegend ist. Ich wünsche mir eine Praxis, die wirklich Neues kreiert. Designkonzepte, die sich aus sozialen und politischen Problemen ergeben und zu einer Lösung beitragen wollen.

Denn zuletzt muss uns allen klar sein, dass es Design immer geben wird – Kapitalismus jedoch hoffentlich nicht.

 

 

 

 

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