Zucker

minds

Wir denken zu wissen was gut für uns ist. Wir wollen was gut für uns ist. Wir lassen uns einreden was gut für uns ist. Wir fühlen was gut für uns ist und lassen es fallen wenn es sich nicht mehr gut anfühlt.

Wir sind Suchende nach uns Selbst. Begegnen einander und geben uns frei…

C’est la vie and take it easy…

Eine Geschichte über die Suche nach uns selbst.

Zucker

Ein süßer Duft zog sich wie eine schlängelnde Wolke durch den Raum, sog sich in mir fest ohne zu Fragen, ließ mich wehrlos fühlen, doch war ich es erst als ich mich ihr ergab. Ich sitze manchmal Stundenlang am Fenster, in einem kastanienbraunen alten Sessel aus Leder. Mein Blick richtet sich auf einen offenen Innenhof. Noch sind die Bäume ohne Blätter, der Wind streift durch die raschelnden Äste und weht mir seicht in mein Gesicht. Es eröffnen sich Sichten durch Fenster in andere Wohnungen, hin zu Menschen dessen Leben ich nicht kenne. Oft bricht sich das Sonnenlicht so stark in den Fenstern, dass ich kaum Menschen erkennen kann. Weiche Schatten bewegen sich, Lichter gehen an und aus. Ein Hauch von Leben. Mit einem Blick auf meine Zimmerwände, verspüre ich einen Anflug von Trägheit, fehlender Motivation, Kahlheit. Leere Wände, weiß, unbemalt. Hell aber irgendwie nichtsaussagend und an manchen Stellen löst sich ein Stück der ungeliebten Raufasertapete. Gedanken kreisen darum, was ich eigentlich von meinem Leben erwarte. Ich zünde mir eine Zigarette an und atme den Rauch gegen meinen Schminkspiegel. Peitschend schlägt er zurück und legt sich auf meine glasigen Augen. Ein brennender Schmerz durchzuckt mich, meine Augen füllen sich mit Nässe. Ich blicke in mein eigenes Spiegelbild und frage mich oft, was nur aus uns geworden ist. Wie kann man einen Menschen den man liebt so unglaublich aus den Augen verlieren? Weil man sich selbst mehr liebt? Das scheint in unserer Grundexistenz zu liegen und die Basis unsere Handlungsmaxime zu sein. Menschen verändern sich, wir haben es auch getan. Manchmal bringt ein Bruch auch den Fortschritt. Mir laufen Tränen übers Gesicht, doch verzieht sich keine Miene. So oft bin ich die Gedanken schon durchgegangen und habe gefühlt, hatte keine Kraft mehr und stand unter Schock. War unglaublich traurig und ohne Worte. Jetzt bleiben Tränen zurück, resultierend aus flüchtiger Nostalgie. Wie oft stehen wir uns eigentlich selbst im Weg ohne dies zu merken, lassen unsere eigenen Probleme mit den Menschen verschmelzen die uns am nächsten stehen. Nicht absichtlich. Zuviel Nähe, macht Gewohnheit, macht blind. Eine lange Zeit hatte ich mich nicht mehr geschminkt, bis zu diesem Abend. Irgendwie war mir danach in eine Rolle zu schlüpfen, es war heute schließlich mein erstes Mal. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein billiger Hollywoodstar, aber ich fand es verrucht und mochte meinen eigenen Anblick. Sekt auf Eis und eine Nase Koks. Einmal tief durchatmen. Wilde Locken umschlungen mein Gesicht und auf meiner rechten Schulter trohnte ein wuschiger, seitlicher Zopf. Stunden vergingen, Minuten und mein ganzer Körper fing immer mehr an zu kribbeln. Ich leckte mir über die Zunge um die letzten Tropfen Sekt einzufangen, sah meine Zähne aufblitzen und fühlte mich ein wenig animalisch.

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Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Ich macht mich auf den Weg, trat vor die Haustür und verspürte den aufbrausenden Wind in meinem Gesicht. Bald würde es Frühling werden und alles würde langsam von Neuem erblühen. Heute Nacht war es noch recht kalt.  An mir rauschten unzählige Autos vorbei, ich schloss meine Augen, atmete tief ein und machte mich auf den Weg. Die ganze Stadt schien in Aufruhr, es war schließlich Samstag Abend. Mir zog sich mein Magen zusammen und ich merkte wie mein Herz pulsierte. Nervös kaute ich wieder und wieder auf meinen Lippen, bis es schmerzte und sich Hautfetzen von ihr ablösten. Mein Mund brannte und war geschwollen, dafür waren meine Lippen aber glänzend rot und voluminös. Ich spürte Zuckungen durch die gesamte Nervenbahn meines Körpers gleiten. Wie ein Gift, das sich unaufhaltsam in mir ausbreitete. Das Kribbeln in meinen Fingerspitzen und das anschließende taube Gefühl. Ein Blick auf gelblich, dann weiß werdende Fingerkuppen, bis hin zum Schwinden des Blutes. Manchmal habe ich das Gefühl in all meinen Gedanken eine Mutation meiner Selbst zu sein, abweichend vom Neutrum, der inneren Balance, werdend zu dem was man als den Genuss menschlichen Leichtsinns bezeichnet und der unaufhaltsamen Freude an ihm. Als ob mich ein bösartiges Gen leiten würde, das versuchte jegliche menschlich erträgliche Zustände in ihren Grenzen zu sprengen.  Wenn wir unser selbst bewusst sind, ist es uns möglich uns zu konditionieren oder aber uns dem Gewohnten aus Angst, aus Faulheit oder Unwissenheit nachzugeben. Es fing an leicht zu regnen. Die Straße die ich durchlaufe hatte kaum Lichter. Viel auffälliger als der Regen war der schummrige Mond, der sich in dem feuchten Asphalt spiegelte. Mein Blick folgte einem verschwommenem Spiegelbild, das durch unzählige lebende Faktoren in sich bewegt wurde. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Mal riss es sich komplett auseinander. Wurde neu zusammengesetzt oder löste sich auf. Mir war kalt. Meine Zehen stießen halb erfroren gegen die zu enge Schuhwand. Ich spürte die abgeriebenen, wunden Druckstellen. Weiter laufen, lauf einfach weiter. Der Wind wehte durch die umherstehenden Bäume und kreiste um Kreise in einem Kreis. Um wieder von Neuem zu kreisen. Eine nicht enden wollende Spirale. Ich war ein Irrwicht. Suchte Zuflucht an Orten oder bei Menschen, ohne diese Orte und Menschen zu fragen, ob sie überhaupt im Stande sind mich aufzunehmen. Die Hoffnung aufgenommen zu werden war größer als sich überhaupt bewusst machen zu wollen wie weit mein Gegenüber ist sich mir anzunehmen. Ein Irrwicht der seine Laterne verloren hatte, verschluckt, versunken, vergraben im Sand. Fort. Deine Stimme hörte ich noch in weiter Ferne. Sie ist mir so unglaublich vertraut. Einst wollte ich ihr folgen, doch nun muss ich gehen und das allein, weil es mein Leben ist. In Unabhängigkeit von Anderen. Unabhängig von dir. Zwischendurch stapfte ich durch die Wüste der Stadt und sah all die anderen verschwommenen Lichter, aufleuchten, sich drehen und wenden, bis sie ineinander verschwanden. Zwei Arme griffen von hinten nach mir, nicht früh genug bemerkt zogen sie mich in eine Gasse, dort wo nur noch Dunkelheit war. Ein Flüstern, viele Worte, die ich nicht verstand und dann deinen Namen. Kísérő. Einst gingen wir gemeinsame Wege.

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Frei sein, für sich sein. Mit sich eins sein. Sich in sich selbst finden und nicht im anderen suchend. Sich akzeptieren und nicht zu manipulieren. Neue Wege gehen wenn die alten unzählige Löcher in sich scharren. Eine Zeit lang dachte ich, ich wäre nie bereit mir die vertraute Haut vom Körper zu streifen. Wieso nicht meinem eigenen Märchen glauben, das längst für andere ein Alptraum war. Zerbrochene Lichter vor unseren Füßen, wenn das Gefühl für sich und sein Umfeld verloren geht,  auf der Schwelle, der Suche nach sich Selbst. Dabei vergessen, dass wir alle Suchende sind, die sich andauernd ineinander verirren. Vor mir erhob sich ein Haus dessen Fassade sich langsam löste, es schien  in die Jahre gekommen, jedoch vor Geschichte und Charme nur so zu sprühen. In Gedanken an die vielen Menschen die dort lebten, Zeit miteinander teilten, sich liebten und verließen… dachte ich an dich Kísérő. An uns. Jede neue Erfahrung hat ihren Anfang, durchlebt ihre Geschichte, lernt zu fühlen, ob Freude oder Schmerz in ihr überwiegt und danach zu handeln. Mit der Narbe dieser neuen Erfahrung beschreiten wir dann neue Wege, ohne Laterne, lauschen vielleicht unserer Intuition, oder aber den Stimmen anderer, weil sie viel lauter scheinen. Fühlen Schmerz. Fühlen Freude. Oder lassen bewusst kaum Gefühle zu. Manchmal zerspringt mein Kopf und wäre er aus Glas, lägen unzählige Scherben wild durcheinander auf dem Boden, in der Sonne blitzend, würden sie vielleicht viele Menschen erfreuen. Für die einen funkeln und für die anderen wären sie Abfall. Wenn die gewohnte Realität verworfen wird und uns die Luft abschnürt, in unseren Köpfen zwanghafte Gedanken wie Blitze einschlagen und wir in Erinnerung fühlen die für uns noch präsent scheint, dann beginnt wieder eine Reise, es ist schließlich immer wieder unser erstes Mal.  Auf ein Neues blicke ich in Augen, die in mir ein Gefühl tiefer Verbundenheit auslösen, gleichzeitig zurückhaltende Furcht. Dann halte ich still bis du mich zu dir ziehst. Eine Lichterflut durchkämpft die Nacht und versucht sich nicht in der Dunkelheit zu verlieren. Auf der Suche nach uns selbst begegnen wir einander vielleicht ein kleines Stück und vergessen in all der gesuchten Nähe nicht, dass der andere auch nur ein Suchender ist. Ich beiße auf einen Zuckerwürfel und spüre die vielen kleinen Kristalle, die sich an meine Zähne kleben. Bin müde und schlafe ein. Schlaf. Wie lange er war weiß ich nicht, lecke mir über die Zähne, da wo einst Kristalle waren, fühlt sich nun alles spröde und rau an, dann ein durchzuckender Schmerz der mich aufschrecken lässt. Die süße Duftwolke eingetauscht gegen den Geruch beißender Fäulnis. Zucker rieselt leise. Seine Versuchung ist bittersüß. Doch besteht die Möglichkeit die zerfressenen Stellen zu ersetzen, wenn man sie nicht zu lange übersieht. Immer wieder, als wäre es das erste Mal.

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