Im Gespräch mit Ai Weiwei – „KUNST (lehren)“

berlin, fashion & art, professionals

Ai Weiwei benötigt keine große Vorstellung, dieser Meinung war auch der Prof. Martin Rennert, der Präsident der UdK Berlin, als er letzten Sonntag den Künstler zur Auftaktveranstaltung seiner 3-jährigen Einstein-Professur im Konzertsaal der Universität begrüßte.

Bereits 2010 wollte der 58-Jährige seine Professur an der UdK Berlin beginnen, jedoch erhielt er erst vergangenen Juli seinen Reisepass zurück. Schon im August war er zu Besuch in Berlin und konnte seine Pläne endlich konkretisieren. Herr Prof. Rennert erzählte, Ai sei immer entschlossen gewesen diese Professur anzutreten und nun, nach fünf Jahren, ginge dieser Wunsch endlich in Erfüllung.

Die Veranstaltung gestaltete sich als Gespräch zwischen Ai Weiwei und Dr. Thomas Düllo (Kulturwissenschaftler und Dekan der Fakultät Gestaltung der UdK), Anna Anders (Videokünstlerin und Professorin an der UdK), Dr. Karl-Heinz Lüdeking (Kunstwissenschaftler und Dekan der Fakultät Bildende Kunst), Nik Haffner (Tänzer und Choreograph) und dem Dolmetscher und Sinologe Dr. Oliver Corff.

In 6 Stationen, jeweils repräsentiert durch einen vorliegenden Gegenstand, entwickelte sich ein Gespräch über das Thema Kunst und Kunst  zu lehren.

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Es war ein spannender und ausgelassener Abend, was vor allem an der gelassenen aber zugleich unglaublich humorvollen Art des Künstlers lag. Immer wieder brachte er das Publikum zwischen ernsten Thematiken mit amüsanten Kommentaren zum Lachen.

HOW DO YOU BECOME WHO YOU ARE?

2015 wurde Ai Weiwei auf Platz 2 der ‚Power 100 most influential people in the contemporary artworld‘ gewählt, Sonntagabend erzählte er von seinen Anfängen als Künstler.

If that is what I’m gonna study, I wouldn’t feel very clear about what to study.“

war sein Kommentar auf das projizierte Werk seines Lehrers Sean Scully während seiner Zeit in New York (1983-1993). Ai Weiwei besuchte bereits zuvor in China eine Filmschule, wo er mit dem Malen begann. Er erzählte, dass bei dem Aufnahmeverfahren eine sehr große Konkurrenz herrschte und er wohl nur durch einen Fehler aufgenommen wurde. In New York wusste er dann nicht was er anderes machen konnte als zu Malen, es entstanden Werke, von denen er die meisten schon weggeworfen habe, umso größer seine Überraschung als er das Werk ‚Double Mao‘ von 1985 im Saal projiziert sah. Schon damals setze er sich also mit seinem Heimatland auseinander. Er erzählte, dass man von klein auf dem Bild des Mao nicht wirklich entkommen konnte, Mao war alles was man kannte, die Gesellschaft war sehr politisch.

Bildschirmfoto 2015-11-08 um 21.14.29

duchamp quote

Als Duchamp im 20. Jahrhundert den Kunstbegriff revolutionierte, half er auch Ai Weiwei seinen Standpunkt als Künstler zu finden und sich von dem damaligen Begriff der Künstlers zu befreien.

HAVE YOU HAD THE OPPURTUNITY TO VISIT ONE OF BERLIN’S FLEA MARKETS?

„This morning“, antwortete Ai Weiwei.

Nik Haffner zeigte ein Bild, dass er auf einem Flohmarkt gekauft hatte. „Es erregte meine Aufmerksamkeit wegen der Perspektive und der Komposition der drei Körper’“ – „Ich würde sagen vier Körper“, begegnete Ihm Ai. Der Saal lachte und Herr Haffner antwortete „Ich weiß nicht ob Sie es sehen können aber der Mann hält eine kleine Puppe in seinen Händen’“- „Nicht aus Lego“ kommentierte der Künstler und spielte damit auf seine aktuelle Auseinandersetzung mit der Firma Lego an, die ihm seine Bestellung von Legosteinen verwies, da sie den Gebrauch von Legosteinen für politische Zwecke nicht zustimmen könnten.

flea market photo
Auf die Frage in wie weit der menschliche Körper und seine Bewegung in dem Entstehungsprozess seiner Arbeiten eine Rolle spielen entgegnete er mit einer Geschichte vom selbem Tag, als er mit einem Kollegen nach draußen ging um eine Zigarette zu rauchen. Sie hörten plötzlich einen Crash, einen Fahrradunfall, und das alles nur, weil eine Radfahrerin Ai Weiwei erkannt hatte. Er erklärte, das viele unserer Bewegungen nicht wirklich möglich sind zu gestalten, unser Verhalten ist oft rätselhaft.

WHY IS THIS GUY ALWAYS TAKING PHOTOS?

Wir glauben, wir verstehen schon alles was es gibt. Wir glauben, wir wissen schon alles. Wir glauben, wir können dem vertrauen, was wir sehen.

If I look at older photographs I always wonder why ladies are so beautiful“ – „I dont trust what we are seeing today, so i think I better record everything so peolple can look at it“.

Was wir auf einem Foto sehen, ist etwas anderes als die Realität, es hat eine eigene Realität. Ai Weiwei machte allein in seiner New Yorker Zeit rund 10.000 Fotos. Mit der Erfindung der digitalen Fotografie wuchs die Zahl auf 750.000 zwischen 2003 und 2013. Und ob die Fotos nicht auch als Beweise für die Behörden dienen, so etwas wie eine Lebensversicherung sind? Er braucht keine Beweise, sagt er selbst.

Zuletzt hatte das Publikum noch die Gelegenheit Fragen zu stellen, hier ein kleiner Auszug:

‚“It’s a very quick question, if you were to define art, what would you say?“. Nach einer längeren Stille kommentierte Dr. Düllo „Ich interpretiere das als Antwort“, doch kurz darauf übersetzte Dr. Corff für Ai Weiwei „Dazu bin ich nicht in der Lage das zu beantworten“. Das Publikum klatschte und Dr. Düllo wollte mit den abschließenden Worten des Abends einsetzten, als Ai Weiwei seine Aussage noch ergänzte:

Es ist ein bisschen wie mit dem Sex, man kann sehr viel Erfahrung haben, oder ich habe sehr viel Erfahrung, und trotzdem fällt mir eine Definition äußerst schwer.“

Die Zuhörer lachten und klatschten ausgelassen, es war ein gelungener Abend.

Wir können gespannt sein, was Ai Weiwei und seine Klasse in den kommenden drei Jahren schaffen werden, und dankbar, dass er nun endlich diese Professur antreten kann. Ich kann allen nur empfehlen, sich die komplette Aufzeichnung online anzuschauen, selten erlebt man einen so bedeutsamen Menschen unserer Zeitgeschichte auf eine so echte, gelassene aber auch ehrlich humorvolle Art und Weise.

https://www.udk-berlin.de/universitaet/mediathek/veranstaltungen/im-gespraech-mit-ai-weiwei/
Follow Ai Weiwei on Instagram:  https://instagram.com/aiww/

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10 THINGS I LEARNED ABOUT AI WEIWEI

  1. Er beabsichtigt Kunst zu lehren, nicht Menschenrechte
  2. Mit 10 Jahren stellte er seinen ersten Backstein her
  3. Er hat bereits 60 Häuser gebaut
  4. Er geht gern auf Flohmärkte
  5. Kunst ist nicht für Erfolg da, sondern für Inhalt
  6. Er machte 750.000 Fotos zwischen 2003 und 2013
  7. Er macht ununterbrochen Fotos, auch gerne Selfies
  8. Er hat ein großes Lagerhaus damit sein Zuhause sauber aussieht
  9. Er liebt das Lesen aber liest nie
  10. less is less and more is moreai weiwei selfie
    Während der Auswahlgespräche für seine neue Klasse.


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ai weiwei4
ai weiwei3

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