BERLINERS – Eva Be & Cle

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Unter unserer Berlin Kategorie nehme ich euch heute nicht nur an einen Ort Berlins, sondern gleich an ganz viele und vor allem viele Vergangene. Gemeinsam mit Eva Be und Cle habe ich eine Zeitreise durch Ost- und Westberlin, Berlin zur Wendezeit und dem Berlin, wie wir es heute kennen, gemacht. Wir sind als Urschleimberliner ein bisschen wehmütig geworden, weil damals halt schon schön war, aber wir verstehen auch, warum es jetzt so „bummsvoll geworden ist“ .

Eva Be lebt seit ihrer Geburt in Berlin und tatsächlich auch schon immer im Prenzlauer Berg. Zum Auflegen kam sie, weil ihr damaliger Freund, Stefan Rogall aka Phantom 309, ein Doppelbooking hatte und irgendjemand einspringen musste. Also hat sie sich vor 20 Jahren ein paar Schallplatten von ihm geschnappt, und ihren ersten Auftritt in der Akba Lounge in der Sredzkistraße gemeistert. Ihr hat es so gut gefallen, dass sie beim Auflegen geblieben ist. Die Reise ging im 80er /Disco-Bereich los, über Trip Hop und Drum ´n Bass und weiter zu Dub und Reggae, was u.a. in Kollaborationen mit Joe Dukie, dem Sänger von Fat Freddy´s Drop auf ihrem Album „Moving without Traveling“  gekrönt wurde. Mittlerweile ist sie im House und der elektronischen Musik angekommen. Zusammen mit dem Sänger Ben Ivory wird es im elektronischen Bereich etwas poppiger und als Bader und Bernhard bleiben sie und ihre Kollegin Dj Clarice ihrer Leidenschaft der 80er- und Discomusik treu.

Clemens Kahlcke hat mit sieben Jahren einen 12-jährigen Ausflug nach Kiel gemacht. Dort machte er bereits erste Dj-Erfahrungen, wenn er in der Althippie-Kneipe „Pupille“ während des Bierzapfens seine eigenen New Wave-Platten auflegte. „Die wollten ein neues Publikum an Land ziehen und dann hab ich das irgendwann immer mittwochs gemacht. Das war mein Abend!“ Der Ausflug endete dann 1986 mit dem Bundeswehr-bescheid und da Kiel für ihn nie zur Debatte stand, ging es zurück nach Berlin. Irgendwann wurde aus Clemens dann Cle und vom New Wave ging es dann weiter zu einer eklektischen Mischung aus Dub und Hip Hop, sowie elektronische und Housemusik. Seit Mitte der 90er bis heute ist er zusammen mit Mike Vamp als die legendären Maertini Broes („ mit ae und oe!“) unterwegs.

Aus kleinen Jams im Studio ist dann vor einiger Zeit ein neues Projekt mit Eva Be entstanden. Obwohl sie aus musikalisch ganz verschiedenen Ecken stammen,gibt es auch viele gemeinsame Nenner, die sie nach ein paar Mal zusammen auflegen als Loyoto fusioniert haben. Letzte Woche durfte ich mit den beiden etwas plaudern:

Wie seid ihr zur Musik gekommen, vor allem zum Auflegen?

Eva:  Mein Vater hat mich damals zur Musik gebracht, da er als Tontechniker viel Musik gehört und eine riesige Plattensammlung gehabt hat. Außerdem nahm er mich häufig mit auf Tour. Als ich dann soweit war auszugehen, war ich wahnsinnig viel weg. Vor allem im Delicious Doughnuts, das war mein erster richtig wichtiger Club, wo viel Musik lief, die ich so noch nicht gehört hatte. Dort habe ich die Jungs, die später zu Jazzanova wurden, kennen gelernt, sowie Phantom 309, der mich musikalisch und auflegetechnisch extrem inspiriert hat.

Cle: Ich bin ziemlich früh mit Platten in Berührung gekommen, damals noch in Kiel, mit 11, 12. Da habe ich mir schon ne Menge Platten gekauft und Mixtapes für Freunde gemacht. Dann kam die „Pupille“, aber das zählt noch nicht so wirklich. So richtig kam es dann erst ´89 hier in Berlin dazu. Da war ich Platten kaufen, zwei Reggae-Dub-Platten, und bin danach ins Fischlabor,eine Kneipe in der Frankenstraße in Schöneberg, gegangen. Die wurde von Achim Kohlberger und Dimitri Hegemann betrieben, den GrüCleNewndern des Tresors. Da war immer buntes Programm mit verschiedenen Djs. An diesem Abend kam der Dj nicht und dann stand ich da mit meinen zwei Platten in der Tüte und Dimitri meinte zu mir: „ Na du hast doch da zwei Platten dabei, dann leg doch mal jetzt auf!“ Ich hab den ganzen Abend mit den beiden Samplern bestritten. Weil das etwas langweilig war, hab ich mir noch das Mikro dazu genommen und moderiert. Daraus wurde dann „Radio Mars“, quasi Radio für die Kneipe. Das hab ich zwei Jahre dort gemacht und wurde musikalisch natürlich ein bisschen ausgeweitet mit Hip Hop und elektronischer Musik. Als dann der Tresor aufgemacht wurde, lief unten harter Techno und oben hab ich in der Globus Bar die Musik für alle anderen gespielt. Da ging es quasi richtig los.

Könnt ihr rückblickend sagen, dass ihr durch Berlin zu dem Beruf gekommen seid oder wäre es sowieso passiert ? 

Eva: Also ich denke, wenn die Mauer nicht gefallen wär, wäre ich wahrscheinlich nicht zum Auflegen gekommen, obwohl ich in Berlin lebe. Der Einfluss kam also wahrscheinlich schon von der Zeit, wo alles, sogar Dj zu werden, möglich und offen war. Das gab mir Inspiration. Sicher auch der Einfluss der Leute, die mich umgaben. Es kommt echt darauf an, in welchen Kreisen du bist, mit wem du so zusammen bist.

Cle: Auf jeden Fall hat es etwas damit zu tun. Anfang der 90er ist sehr viel passiert. Es gab so viele Leute, die sich einfach ausprobiert und Kellerclubs eröffnet haben.Die brauchten einfach Dj´s. Und weil es so viele Nicht-Gastronomen gab, die eben nicht auf´s Geld geschielt haben. Sie haben jungen Leuten, die auflegen wollten, die Möglichkeit gegeben, sich auszuprobieren. Es stand nicht die Kommerzialität im Vordergrund, sondern einfach das Machen und Tun und die Kunst: Hauptsache irgendwie laut und ´n bisschen Musik läuft. In andern Städten hätte man sich vermutlich erst gegen die normalen Dissen durchsetzen müssen. Hier gab es viel mehr Möglichkeiten, sich auszuprobieren bis man in die großen Clubs kam. Selbst die waren viel mutiger als alle Clubs von heute. Deshalb ist es schon wichtig, dass man zur richtigen Zeit in Berlin war. Man brauchte auch einfach nicht so viel Geld. Die Clubs mussten ja kaum Miete zahlen.

Eva: Gerade der Osten war noch unentdeckt, der war ja quasi leer geräumt. Da haben die Mutigen sich ihre Orte erschlossen.

Wieso seid ihr immer noch in Berlin ? Steht ein anderer Ort für euch gar nicht zur Debatte?

Cle : Im Winter ist schon oft die Überlegung, ob man nicht irgendwo hinzieht, wo es warm ist. Aber alles in allem gibt es für mich keine Alternative zu Berlin. Und das kann ich schon ruhigen Gewissens sagen, weil ich, ohne dass es jetzt beschissen klingen soll, einfach echt schon ´ne ganze Menge gesehen habe. Ich find´s hier irgendwie immer noch am Besten.

Eva: Ich muss schon sagen, dass ich es hier nicht am besten finde. Ich hab oft Sehnsucht, weil Berlin mir jetzt so nicht mehr besonders gut gefällt. Aber dadurch, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin, habe ich mein komplettes soziales Umfeld hier, mein Kind ist hier. Woanders wär ich einsam.

Macht ihr neben der Musik noch andere Sachen, aus Spaß, für den Lebensunterhalt? 

Eva: Also ich hab jetzt gerade eine Zeit lang noch nebenbei bei Kilian Kerner in der Boutique gearbeitet.

Cle: Ich arbeite nebenbei noch in einem schönen Restaurant in der Friedrichstraße, dem Pantry. Außerdem organisiere ich noch die Yellow-Lounge mit, ein monatliches Klassik-Event in Berliner Underground Clubs.

Inwiefern hat sich die Stadt verändert ?

Eva: Es ist wahnsinnig bummsvoll geworden. Ich bin ja immer viel ausgegangen und auch oft allein, weil ich immer wusste, dass in den ganzen Läden immer Leute sind, die man kennt.Wenn ich jetzt ausgehe, kenne ich kaum noch jemanden. Liegt vielleicht auch ein bisschen am Alter. Aber dieses familiäre Gefühl, das Gefühl, man hat die Stadt mitgeprägt und überall sind Leute die man kennt, das ist jetzt weg. Auch die Verwandlung vom Prenzlauer Berg ist enorm. Das war schließlich mal ein richtig schranzliches, heruntergekommenes Künstlerviertel. Und watt draus jeworden is, weeß man ja selber. Genauso wie Mitte. Alles irgendwie sehr provinziell, weil jeder da in seiner eigenen kleinen Blase lebt.

Cle: Es ist alles so geleckt und der Schmutz ist wech.

Eva: Dadurch entsteht auch ein wahnsinniger Konkurrenzkampf. Auch beim Auflegen, irgendwie kann es jetzt eben auch jeder und es will auch jeder. Hat sich leider schon in eine eher unschöne Richtung entwickelt.

Cle: Tja irgendwann kommt das Geld und wenn das Geld kommt, dann geht es eben auch oft den Bach herunter.

Und speziell in Musik, Clubs und Mode, was gibt es da für Veränderungen? 

Eva: Uns ist schon oft aufgefallen, dass die Leute einfach nicht mehr so mutig sind. Musikalisch fehlt uns ganz oft, dass sie individuell sind, Ideen haben und vor allem Mut!

Cle: Es ist schon erstaunlich, wie nach der ganzen wilden Zeit, wo einfach jeder anders war, jeder anders aufgelegt hat, jeder Club anders war und jeder im Publikum wie ein fucking Freak aussah, die Uniformität eingezogen ist. Das klingt jetzt vielleicht nostalgisch und als ob damals alles besser war, war es ja gar nicht unbedingt. Aber die Uniformität ist in die meisten Clubs eingezogen, jeder Club hat jetzt ne Holzvertäfelung, damit er aussieht wie die Bar 25. Die meisten Dj´s aus der vierten Generation spielen auch einfach alle das Gleiche. Auch das Publikum ist sehr uniformiert. Alle sind in schwarz und tanzen auch gleich! Alle schlurfen nur noch über den Dancefloor und dazu die eintönige Musik. Da traut sich einfach keiner mehr. Im Straßenbild ist es noch was anderes, da sieht man noch viele tolle Leute. Aber wir haben uns damals noch richtig zurecht gemacht, wenn wir ausgegangen sind.

Eva: Es gab auch irgendwie so richtige Themen, oder? Da gab´s die Punks, die Hippies, Grufties. Und jeder hat sich daraus irgendwie Dinge herausgezogen, die einem gefallen haben.
Cle
: Mir fehlt irgendwie die Kreativität. Es ist einfach langweilig fürs Auge.

Eva: Macht ja auch Spaß sich da auszutoben, vor allem auch abends, wenn man weggeht.

Habt ihr Lieblings048_EvaBe_byDavidUlrichorte in Berlin? 
Beide
: Melody Nelson Bar! Ein Ort für Berliner Individualisten.

Eva: Ja ganz schön, aber ändert sich jetzt leider auch schon wieder ein bisschen. Das geht echt super schnell, dass sich ein Ort schon wieder verändert, während man ihn gerade liebgewonnen hat.

Cle: Deshalb redet man eigentlich auch besser gar nicht mehr darüber, weil dann auch schon wieder alle da        hingehen.

Eva: Ansonsten gibt es hinter der Charité ein Gelände mit den alten Laboren aus dem 17., 18. Jahrhundert, wo wir gerne langspazieren.
Cle
: Da ist es wirklich sehr schön! Na, wenn eine Stadt, wie Berlin stehen bleibt, dann muss man sich eben selber bewegen.

Eva: Das haste aber schön gesagt.

Und vor 20 Jahren? 

Eva: Da war es auf jeden Fall das Delicious Doughnuts, da konnte ich immer sein.

Cle: Ich würde sagen das WMF, das war in allen Formen und Farben super wichtig. 

Eva: Ja stimmt. Steht bei mir auch drauf!

Gibt es etwas spezielles, woran ihr euch erinnert?

Eva: Ich war zu einem Date im WMF und der Typ wollte mich abfüllen, ich wollte aber ganz gerne die Kontrolle behalten und hab meine Drinks in die Palme neben mir gekippt, die er im Sekundentakt geordert hatte. Naja und er wurde dann immer betrunkener, aber ich kann mich immer noch gut an den Abend erinnern. Die Bucketheads sind aufgetreten, super verspätet und  Cle war natürlich auch da, aber ich kannte ihn nur so als Dj und noch nicht persönlich.

Was war oder ist für euch der beste Club in Berlin? 

Cle: Auf jeden Fall Dschungel, quasi das Studio 54 von Berlin, das hatte damals ein extrem modebewusstes, stylishes Publikum, danach Planet und dann WMF.

Eva: Café Moskau, so vor 14 Jahren, gehört für mich auch dazu. Die Clubs waren einfach alle so unterschiedlich, auch von der Ausstattung, alle sahen einfach anders aus, mit jedem assoziiert man etwas anderes. Im WMF stand der Tresen aus dem Palast der Republik, Cookies war auch toll damals. Das Interieur hat auch immer die Veranstaltung und das Publikum widergespiegelt. Das findet man so wirklich nicht mehr. Das E-Werk hat mich damals einfach wahnsinnig beeindruckt. Da bin ich das erste Mal reingekommen und es war einfach mächtig.

Gibt es einen Club in Berlin, in dem ihr unbedingt noch spielen wollt?

Eva: Hmm… also das höchste heutzutage ist ja das Berghain, da haben wir schon gespielt, deshalb gibt es jetzt nichts mehr, wo ich so sagen würde, da muss ich auf jeden Fall noch spielen.

Cle: Aber wir freuen uns natürlich total in irgendeinem Club zu spielen zu jeder Zeit, weil es trotzdem einfach immer noch wahnsinnig Spaß macht aufzulegen. So schlimm, wie das alles hier klingt, was wir sagen, ist es gar nicht. Es macht uns noch super viel Spaß, besonders wenn man selbst für die Musik sorgen darf. Da können wir ja dann dafür noch ein bisschen ausbrechen.

Eva: Waren wir jetzt doch ein bisschen meckrig?

Cle: Ja das waren wir schon. Früher war alles besser…mimimimi.

Gab es DEN Moment in eurer Karriere?

Cle: Puh…. Also ich habe die erste Platte im E- Werk aufgelegt. Das war schon ein Höhepunkt meiner Karriere. Die Erste und sogar die Letzte. Da hab ich mir auch fast in die Hose gekackt. Ich wollte den Club erst sehen, wenn er fertig ist, der wurde ja auch von vielen meiner Freunde betrieben und dann bin ich da ne halbe Stunde vorher rein und  das Ausmaß war einfach der Wahnsinn. Die Anlage, die Beleuchtung und die Deckenhöhe: Gigantisch.

Eva: Für mich ist es eher ein Gefühl, wenn man im Flow ist, die Crowd mitgeht und alles stimmt.

 Vielen Dank!

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Eva Be  und die Maertini Broes könnt ihr live beim Rummelsburg Open Air „ Sterne Bass“ am 19. Juni sehen.

In regelmäßigen Abständen leben sie ihre nicht elektronische Seite in der Melody Nelson Bar  aus, wo sie den Abend auch gerne mal mit Themen wie „ The Big Ten“ , „Ska Nite“ , „Love Tuuuuuunes“ oder „ Memory David Bowie“ untermalen.

 

Fotos: David Ulrich & Ben Ivory

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