Halal Couture – Über Mode und Islam

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Im Jahr 2070 wird es erstmals in der Geschichte mehr Muslime als Christen geben.
Das ergab eine Studie zur Zukunft der Weltreligionen des renommierten Pew-Instituts in Washington, die letztes Jahr veröffentlicht wurde. Das Christentum mit ca. 2,26 Milliarden Anhängern hat unter plausiblen biologischen und gesellschaftlichen Gründen Rückgänge zu verzeichnen, wohin gegen der muslimische Glaube mit aktuell rund 1,57 Milliarden Anhängern rasant wächst: 

verbreitung muslime

Artikel „WELT“, vom 23.06.2015                          

Konversion und der Trend zum Atheismus in Ländern mit schwacher Geburtenrate und hoher Gentrifizierung stehen den starken Geburtenraten der muslimischen Bevölkerung gegenüber.

Dem entsprechend entwickelt sich auch ein immer größer werdender Markt für islamkonforme Mode. Der Bedarf nach Halal Produkten, also Produkten die nach islamischem Recht zulässig sind, steigt enorm – und insbesondere das Interesse an Mode, die auf der einen Seite den muslimischen Wertevorstellungen entspricht, auf der anderen Seite aber aktuelle Trends und einen modernen Lifestyle aufgreift.

Eine neue Stilbewegung ist entstanden, angeführt von kosmopolitischen jungen Frauen, die selbstbewusst und vor allem stilbewusst mit ihrer Religion umgehen. Die „millenial muslim generation“ zeichnet sich durch einen interkulturellen Hintergrund und die Vorliebe zu Social Media aus. Neue Modeströmungen und der eigene Lifestyle werden über Instagram, Twitter, Youtube und Blogs kommuniziert.

Die „Hijabista“ oder „Mipsterz“ Bewegungen repräsentieren modische Muslima. Islamische Bekleidung ist Teil eines Selbstverständnisses geworden, das modernen Lifestyle mit religiösen Überzeugungen nicht nur verbinden, sondern auch selbstbewusst nach außen demonstrieren soll. Im Mittelpunkt: das Kopftuch (Hijab), das als Modeaccessoire in Szene gesetzt wird.

 blog nada puspita

Indha Nada Puspita (Indonesien)- Influencer und Bloggerin http://www.sketchesofmind.com

Innovative muslimische Designer entwerfen Mode, die religiöse Dogmen und kulturelle Tradition einerseits, Glamour und Trendiness andererseits zu vereinen sucht – und das sehr erfolgreich.

blancheur website

Blancheur – Malaysia

Dubai avanciert neben Paris und Mailand zur neuen Modemetropole, 1/3 der weltweiten Haute Couture Kundinnen kommen aus dem Wüstenstaat. Modest Fashion, anfangs ein Nischenmarkt der über das Internet verbreitet wurde, ist zu einem weltweiten Massenphänomen geworden und beeinflusst längst nicht mehr nur die muslimische Zielgruppe. Viele große Konzerne aus dem Westen haben das enorme Potential des globalen Marktes erkannt und wollen sich am Geschäft beteiligen.

Mit der Gründung des Islamic Fashion and Design Council (IFDC) http://ifdcouncil.org im Jahr 2014 wurde eine internationale Plattform geschaffen, die die rasant wachsende Industrie repräsentiert und eine Austauschplattform für Designer, Kunden und Künstler bildet. Durch Kommunikation und Projekte sollen Vorurteile aufgehoben und das Interesse für islamische Mode geweckt werden. Dieses Jahr fand außerdem zum ersten mal die Istanbul Modest Fashion statt, eine internationale Fashion Week, spezialisiert auf islamkonforme Mode.

Dolce und Gabbana präsentierte im Januar diesen Jahres auf Style. com ihre ab Oktober erhältliche „Halal Couture“, die es nur online und limitiert zu erwerben gibt. Die angebotenen Abayas, mantelähnliche Übergewände, greifen farblich und stofflich die reguläre Kollektion auf. Die Resonanz nach der Veröffentlichung war zweigeteilt: Kritiker werfen den westlichen Unternehmen vor, sich lediglich aus kapitalistischen Gründen dem rasant wachsenden Markt zu nähern, ohne sich genügend mit den muslimischen Dogmen beschäftigt zu haben. Bereits etablierte „halal“ Labels fürchten, die westlichen Konzerne könnten den Markt übernehmen. Potentielle D&G Kundinnen weltweit bedankten sich allerdings freudig, dass endlich auch an sie gedacht werde.

 D&G (2016)

Die interkulturelle Fusion zwischen muslimischer und westlicher Mode stößt also nicht überall auf positive Resonanz. Marks&Spencer löste Anfang des Jahres mit dem weltweiten Verkauf des „Burkinis“ eine heftige Diskussion aus, insbesondere in Frankreich. Was viele als Zeichen von Toleranz und Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Religionen verstehen, kritisieren andere als Einschränkung der westlichen Wertevorstellungen.

„Ich habe immer geglaubt, dass ein Modeschöpfer dazu da sei, Frauen schöner zu machen, ihnen Freiheit zu geben, und nicht Komplizen dieser Diktatur zu sein, die Frauen dazu zwingt, sich zu verstecken.“                                                                                                     Pierre Bergé, Mitbegründer YSL

Die Diskussion bleibt kontrovers. Noch macht es den Anschein, viele große westliche Konzerne würden ausschließlich profitorientiert agieren ohne die eigentlichen muslimischen Werte zu berücksichtigen, aber auch hier ist ein Wandel zu verzeichnen. Fest steht, modest fashion ist ein Markt der Zukunft und verlangt gegenseitiges Interesse und Kommunikation. Toleranz als wichtigstes Gut unserer globalen Gesellschaft ermöglicht den Austausch zwischen Generationen, Religionen und Kulturen.

Text: Esther-Helin Bienroth, Carla Loose

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