Cherchez la Femme – Perücke | Burka | Ordenstracht

2017, berlin, culture, exhibitions

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Covered, Anna Shteynshleyger (geb. 1977)
Des Plaines, Illinois, USA 2006, Pigmentdruck. Courtesy of hte artist

… oder auch: Warum die Verschleierung der Frau nicht nur Frauensache ist.

Niemals würde die unverschleierte westliche Mehrheitsgesellschaft auf die Idee kommen, einem männlichen Juden die Kippa zu verbieten oder auch nur daran Anstoß zu nehmen. Warum tun wir uns also so schwer damit, ein Kopftuch zu akzeptieren? Diesen Widerspruch kann die Sonderausstellung im jüdischen Museum zwar nicht auflösen, doch sie gibt gute Denkanstöße zum Zusammenhang zwischen weiblicher, religiös motivierter Verschleierung und säkularer Gesellschaft.

Schon der Untertitel der Ausstellung deutet darauf hin, dass religiöse Verschleierung nicht ausschließlich gleichzusetzen ist mit Kopftuch oder Burka. Vielmehr kennen alle drei abrahamitischen Weltreligionen Kleidungsgebote, sowohl für Frauen, als auch für Männer. Und so beginnt auch die Ausstellung mit einer Wandprojektion mit Auszügen aus Koran, Talmut und Bibel, in der es zum Beispiel heißt: „Wenn ein Mann betet (…) und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet (…) und dabei ihr Haupt nicht verhüllt“.
Direkt daneben beginnt eine Aufreihung der gängigsten Kopfbedeckungen für Frauen, begonnen mit Perücken („Scheitel“), unter denen jüdische Frauen ihr natürliches Haar verbergen, über Hochzeitsschleier bis hin zu Burka und Tschador. Auf der Wand dahinter blinzeln unablässig männliche Augenpartien und wachen mit strengem Blick über die verhüllten Schaufensterpuppen. The male gaze – der männliche Blick – ist eng verbunden mit der Frage nach Kopf – und Körperbedeckung der Frau. Wenn wir heute eine vollverschleierte Frau als von ihrem Mann unterdrückt und integrationsunfähig verurteilen, müssten wir uns eigentlich konsequenterweise fragen: Ist der Zwang etwas tragen zu müssen schlimmer als der Zwang, etwas nicht tragen zu dürfen – und sich so offenbaren zu müssen?

Dieser Gedankengang wurde auch letzten Sommer, als in Frankreich und Deutschland über ein Burka-/Burkiniverbot gestritten wurde, von vielen Karikaturisten aufgegriffen. An einer Wand im  hinteren Bereich der Ausstellung wird deutlich, dass diese Debatte von aller Rationalität befreit ist und hauptsächlich durch Emotionen bestimmt wird – auch die aktuelle Gesetzeslage ist mehr eine Projektion unserer Ängste (d.h. die der Mehrheitsgesellschaft) und dadurch immer wieder Gegenstand von verfassungsrechtlichen Diskussionen: Warum ist in einigen Bundesländern das Tragen von religiösen Kopfbedeckungen im Bildungswesen verboten? Ordenstrachten von Nonnen sind davon explizit ausgenommen.

Da eine Kopfbedeckung im christlichen Glauben heutzutage kaum mehr üblich ist, bleibt die moderne Interpretation der Verschleierung meist gläubigen Jüdinnen und Musliminnen überlassen. Und durch die enge Verbindung von kultureller Identität und Mode ist es selbstverständlich, dass jüdische und muslimische Frauen durch die Wahl ihrer Kleidung sowohl sich selbst und ihrem Glauben treu bleiben, als auch am modernen Leben teilhaben wollen. Dieser Wunsch nach Kleidung, die die religiöse, kulturelle und modische Selbstbestimmung ausdrückt, verbindet die DesignerInnen, die ihre Kleidung auf der Istanbul Modest Fashion Week präsentieren. Durch eine Videoinstallation gewinnt man einen kleinen Einblick in diesen besonderen Bereich der Mode.

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Soyunma/Undressing, 2006, Nilbar Güres, Video
Courtesy of the artist and Rampa Istanbul; Video stills photographed by Nicole Tintera

Dass die Verschleierung der Frau auch Gegenstand von künstlerischer Auseinandersetzung ist, wird an verschiedenen Arbeiten gezeigt. Die Künstlerin Mandana Moghadam nahm ein persisches Märchen als Inspiration für eine Figur, deren weibliche Silhouette von bodenlangem Haar verdeckt wird – man verliert sich fast in der Betrachtung des aufwendigem Flechtwerks, bis man bemerkt, dass sich die männlichen Augenpartien vom Beginn der Ausstellung in der Vitrine spiegeln: da ist er wieder, der männliche Blick.

Auch die türkische Künstlerin Nilbar Güreş thematisiert in einer Videoinstallation die weibliche Verschleierung und setzt sie in einen persönlichen Kontext. Während sie sich Lage für Lage von unzähligen Kopftüchern befreit, nennt sie die Namen ihrer weiblichen Verwandten. Am Ende fällt auch das letzte Tuch, das ihr Gesicht verdeckt, – nach langem Zögern.

Cherchez la Femme thematisiert die jahrhundertealte Tradition der Verschleierung aus einer modernen, weiblichen Perspektive. Sie macht deutlich, dass die Theamtik nicht vom gesellschaftlichen Kontext zu trennen ist und auch dementsprechend Akzeptanz bis hin zur Pflicht, oder Ablehnung bis hin zu offenem Hass erfährt. Die Sonderausstellung, die noch bis zum 02.07.17 im jüdischen Museum zu sehen ist, ist in die Dauerausstellung im Libeskind-Bau integriert, sodass man für beide Ausstellungen einmalig Eintritt bezahlt (ermäßigt 3€). Meiner Meinung nach ist die Ausstellung sehr empfehlenswert und wenn man genug Zeit mitbringt, lohnt danach auch immer ein Besuch der Dauerausstellung.

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