Über den Wert des Designs

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„Designdienstleistungen bewerten und kalkulieren“, ein Vortrag von Joachim Kobuss im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Einsichten“.

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Liebe Modedesignstudierende,  wie oft werdet ihr gebeten, irgendetwas zu flicken? Oder schnell mal zu kürzen? Oder ein selbstgenähtes Teil nochmal zu nähen, für einen „Ich-geb-dir-auch-was-dafür“-Preis? Und – Hand aufs Herz – wie oft ärgert ihr euch danach darüber, dass ihr ja gesagt habt? Bei dem Vortrag von Joachim Kobuss habe ich mich sofort an eine solche Situation erinnert: Ein Freund von mir hatte seiner neuen Freundin eine Tasche geschenkt, leider traf der Stoff so gar nicht ihren Geschmack. Also hat er mich um einen Gefallen gebeten; ob ich denn die gleiche Tasche nicht aus einem Stoff nähen könnte, den sie sich vorher aussucht. Klar, kein Problem, mach ich, wir sind ja Freunde und die Semesterferien haben auch gerade angefangen. Nur das Material müsste er bezahlen…

Herr Kobuss hätte mir am Donnerstag bei seinem inzwischen dritten Vortrag an der HTW Berlin über den finanziellen Wert des Designs vermutlich gesagt: Alles falsch gemacht.
Der Autor, Coach und Publizist, der schon sieben Bücher zu der Thematik verfasst hat, ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung von Designdienstleistungen. Da er selbst nicht aus dem gestalterischen, sondern kaufmännischen Bereich kommt, hat er eine andere Sichtweise auf den Dienstleistungswert einer Designarbeit, als der/die Designer/in selbst. Deswegen hat er es sich vor über 20 Jahren zur Aufgabe gemacht, Designer in seinem Beratungsbüro „DesignersBusiness oder über das Institut „Unternehmen:Design“ zu unterstützen.  Er ist außerdem Dozent an der Mediadesign Hochschule Berlin und Initiator des Workshops „Abakus und Luftikus“, der Berater und Designer zusammenbringen will.

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„Was sind Sie sich wert als Designer?“ Mit direkten Fragen schafft Kobuss einen Einstieg, der jedem Zuhörer Raum lässt, über die eigenen Einstellungen und Vorstellungen nachzudenken. Durch seine gesamtwirtschaftliche Perspektive räumt er mit der vorherrschenden Meinung auf, dass die Bewertung von Design leistungs- statt nutzenorientiert sein soll. Die Honorare für erfolgreiche Designer werden nicht durch die Leistung, sprich die aufgewendete Zeit oder das investierte Material, gerechtfertigt, sondern durch den Nutzen für den Auftraggeber. Dass nur die wenigsten Designer so kalkulieren, zeigt sich in den Statistiken, die Kobuss zitiert: Im Bereich der Designwirtschaft arbeiten in Deutschland aktuell 50.000 sogenannte Mikroselbstständige. Diese Kategorie wird durch den Maximalumsatz von 17.500€ pro Jahr definiert. Tatsächlich aber liegt der Durchschnittsumsatz eines Mikroselbstständigen bei 6000€ pro Jahr. Man muss nicht BWL studiert haben, um ausrechnen zu können, dass man sich davon nicht mal die Miete für eine Einzimmerwohnung in Berlin leisten kann. Da es kaum Lobbyarbeit für Designer gibt und die Berufsverbände zu wenig aktiv sind, kann die Politik diese prekären Arbeitsverhältnisse bequem ignorieren.

Bei diesen Aussichten den Mut zu verlieren, wäre zu einfach. In der Designwirtschaft geht es laut Kobuss lediglich darum, anders zu kalkulieren und – was noch viel wichtiger ist – sich seiner Kompetenzen bewusst zu werden. Und damit sind nicht nur die offensichtlichen Fähigkeiten gemeint, wie zum Beispiel nähen, stricken oder zeichnen, sondern vielmehr die abstrakten Fähigkeiten, die man bestenfalls schon mitbringt, andernfalls nebenbei erwirbt: strategische Kompetenz, die Fähigkeit zur kreativen Lösungssuche, Teamfähigkeit, Mut zu Innovationen, Rhetorik und Präsentationskompetenz, … Nur wenn man ein im wahrsten Sinne des Wortes ein Selbstbewusstsein von sich und seiner Arbeit hat, kann man es schaffen, sich unter den 340.000 aktiven Designern in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten.

Durch den Vortrag habe ich ein vages Gefühl dafür bekommen, was es heißt, möglicherweise in Zukunft in der freien Wirtschaft als Designerin zu arbeiten. Denn das, was wir im Moment im Studium produzieren, zählt wohl eher zu Kunst, als zu Design. Design muss den Beweis der Funktionstüchtigkeit erbringen, um nicht nutzlos zu sein. Das Ziel des Studiums sollte es sein, den Studierenden ein Bewusstsein dafür zu geben, dass es einen Übergang braucht: vom Studium zur Arbeitswelt, sprich von der Kunst zum Design. Leider haben sich nur eine Handvoll Studierende den ausführlichen und komplexen, aber sehr lohnenswerten Vortrag von Joachim Kobuss angehört.
Mein persönliches Fazit der Veranstaltung: In mir wurde ein neues Selbstbewusstsein geweckt, sodass ich zukünftig sagen kann:

Mein Design hat mehr Wert, als das Material, was darin steckt.

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Einsichten, eine Vortragsreihe des Studiengangs Kommunikationsdesign, initiiert und betreut von Prof. Kathrin Hinz.

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