11 FRAGEN an Ann- Margritt Biermann

2017, berlin, campus, Design, minimalismus, professionals, weniger ist mehr, womenswear

… Gründerin des jungen Lingerie Labels ELAICE Couture und Absolventin des Masterstudienganges Modedesign an unserer Hochschule.

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Gaffer Deluxe: Wie kam es zu Deiner Entscheidung, einen Master an der HTW zu absolvieren?

Ann- Margritt Biermann: Während einer Ausbildung zur Modedesign Assistentin sowie meinem Bachelor in Modedesign und Business in Dänemark hat es mich immer wieder nach Berlin gezogen: Für die Fashion Week, für Praktika und sogar für ein Erasmus Jahr. Einerseits hat mich die Stadt in ihrer kreativen Vielfältigkeit mitgerissen, andererseits war ein stärker werdender Fokus auf ein ethisches Bewusstsein präsenter als in Dänemark. Es war dann ziemlich schnell klar, dass ich meinen Master in Berlin machen möchte.

Bei der Entscheidung, an welcher Hochschule ich ihn mache, war mir wichtig, das Thema Marketing genügend abzudecken um die theoretische Seite der Modewelt noch besser kennenzulernen. Außerdem wurden an der HTW kreative Kurse angeboten, die ich in meiner vorherigen Ausbildung noch nicht hatte, wie zum Beispiel experimentelle Schnittgestaltung, Markendesign und innovative Produkte.

GD: Was sind denn weitere Stärken und die Schwächen des Programms?

AMB: Die vielfältigen Kursangebote wie „Innovations and Textiles“ und „Markendesign“ sind auf jeden Fall eine absolute Stärke des Programms an der HTW. Mir hat besonders der Ausgleich zwischen theoretischen und praktischen Fächern und das freie Arbeiten während der Projektphase gefallen.

Ein wirklich kleines Manko waren die Sonderauflagen für externe Studenten. Durch meine internationale Ausbildung fehlte mir zwar die ein oder andere Erfahrung in manchen Bereichen, wie z.B. experimenteller Schnittgestaltung, jedoch hatte ich volle ECTS Punkte. Dennoch musste ich leider einige Sonderauflagen erfüllen, was meine Konzentration auf die wesentlichen Fächer des Master Studiums etwas beeinträchtigt hat. Ich denke, bei vollen ECTS Punkten könnte man ein Auge zu drücken und so manchen hochmotivierten Studenten, dem aber Fächer fehlen, diese ohne den Druck freiwillig machen lassen.

Zusammengefasst kann man sagen, man bekommt an der HTW ein vielfältiges, tolles und spannendes Programm geboten und ganz wichtig: gute Unterstützung.

GD: Du hast Dein Label ELAICE Couture dieses Jahr gegründet. Hattest Du auch andere Job- Perspektiven im Sinn? Vielleicht schon während des Studiums die Aussicht auf eine Stelle?

AMB: Am Anfang meines Studiums war ich fest davon überzeugt, ein eigenes Label zu gründen. Während meiner Studienzeit in Berlin hatte ich den Gedanken eigentlich aber schnell wieder verworfen, da ich mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt gefühlt habe – jedes Jahr kommen in Berlin viele Mode Absolventen aus ihrem Studium, es gibt bereits Unmengen an Designern, die Gelder sind knapp und die Fashion Week kann man sich kaum bzw. gar nicht leisten.

Doch dann entstand die Idee der Lederspitzen Lingerie und entwickelte sich zu etwas Konkretem. Meine Motivation stieg immens und ehe ich mich versah, schmiedete ich große Pläne und hängte mich nochmal besonders ins Studium rein! In einem anderen Job habe ich mich eigentlich nie richtig sehen können. Ich denke, vielen Mode Student/innen geht es ähnlich: Dass man doch den Traum hegt, seine eigenen Ideen und Designs umzusetzen und auf den Markt zu bringen. Nebenbei habe ich ein paar Nebenjobs gehabt, um so schonmal in die Berufswelt einzutauchen, jedoch erfüllt mich das Arbeiten rund ums Label ELAICE Couture nun vollkommen.

GD: Wie entstand denn die Idee, Dein Label zu gründen?

AMB: Die konkrete Idee der Gründung entstand während meiner Masterarbeit.

Mir hat das Experimentieren und die Problemlösung im Entwicklungsprozess unglaublich Spaß gemacht! Besonders die Ideen am Ende, wie ich aus nachhaltigen Materialien fertige. Durch den Zuspruch von meinem betreuenden Professor und die Unterstützung von meinem Freund und meiner Familie habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit letztendlich gewagt, und bisher absolut nicht bereut!

GD: Ging es also nur um Deine Motivation und Stärken; oder hast Du auch etwas in der Industrie vermisst?

AMB: Nachdem ich die innovative Lederspitze entwickelt habe, konnte ich mir nicht vorstellen in einem anderen Bereich oder für ein anderes Label zu arbeiten. Abgesehen davon, dass die Stellen für junge DesignerInnen leider recht gering sind. In der Industrie vermisse ich generell, dass Ethik und Slow Fashion nach wie vor nicht selbstverständlich sind- gerade im High End Bereich, und dass es immer noch viele Labels gibt, die sich an anderen Standards orientieren.

Eine Tendenz in Richtung Slow Fashion ist aber immerhin schon zu erkennen. Für mich persönlich ist es wichtig und toll, ein innovatives High Fashion Produkt zu entwickeln, was sowohl Hingucker als auch fair ist.

GD: Welches ist denn Dein Lieblingsteil aus der aktuellen Kollektion?

AMB: Alle Teile! 😉 Nein mal im Ernst, mein Favorit aus der aktuellen Kollektion ist wahrscheinlich schon das Special Edition Lace Bralette. Die blaue Rhabarberleder-Spitze ist sehr stilvoll und reizend.

GD: Wer war Deine Muse?

AMB: Muse war im Fall der ersten ELAICE Kollektion mein Model Camila, die ich noch gecastet habe, bevor ich die Illustrationen letztendlich in Produkte umgesetzt habe.

Sie hat eine tolle Ausstrahlung und verkörpert die Idee hinter den Produkten auf eine natürliche Art und Weise.

Generell lasse ich mich gerne von Themen inspirieren – wie Spitze und traditionelles Handwerk; von Designern – klassischen wie Jean Paul Gaultier oder Yves Saint Laurent; und auch neuartigen Lingerie Marken wie Kat The Label oder Loveday London.

GD: Wenn Du eine bestimmte Trägerin regelmäßig ausstatten könntest – wie eine Celebrity oder eine Person aus Deinem Alltag – wer wäre es?

AMB: Ich stehe gerade kurz vor einer Kooperation mit Marie Nasemann von „Fairknallt“, auf die ich mich schon sehr freue! Sie schreibt auf ihrem Blog über fair produzierte Mode und Ethik mit eigenen Fotostrecken und tollen Beiträgen über spannende, nachhaltige Produkte. Sie hat z.B. schon öfter über das Rhabarberleder von Deepmello berichtet, von denen ich das Leder beziehe, und wird dann demnächst über die Lederspitzen Lingerie von ELAICE berichten. Zukünftig würde ich mir wünschen, dass ich weitere, tolle Vorbilder aus der Modeszene ausstatten kann, um so, national- als auch international ein spannenden Netzwerk von Influencern zu bilden, um gemeinsam mit guten Beispiel voranzugehen. Ein Traum wäre es natürlich zusätzlich Celebrities wie Rihanna oder Lorde und Stil Ikonen wie z.B. wie Kate Moss oder Gigi Hadid auszustatten. Man sollte nie aufhören zu träumen…

GD: In unserer vernetzten Welt könnten sie ja schon bald vom Label erfahren! Das sollten sie auch, schließlich verschreibst Du Dich dem Slow Fashion. Welche Veränderung möchtest Du konkret in der Industrie sehen?

AMB: ELAICE entwickelt besondere Produkte mit einzigartigem Alleinstellungsmerkmal, die den Endverbraucher über viele Jahre begleiten soll. Das ist eigentlich auch genau das, was ich mir für die Industrie wünsche – veränderte bzw. kritische Weltanschauung, längerfristiges Mitdenken und nicht “nach mir die Sintflut”, denn wenn wir jetzt nicht gemeinsam verändern, kann es eventuell schneller zu spät sein, als man denkt.

Slow Fashion steht für mich für eine nachhaltige, bewusste Produktion inklusive Respekt gegenüber Mensch und Umwelt. Eine Bewegung, die leider noch nicht selbstverständlich geworden ist.

Dank unserem Partner, Deepmello (rhubarb technology GmbH), ist es möglich, eine Kollektion aus Leder zu produzieren, welches völlig chromfrei ist, gegerbt durch die Abstrakte der Rhabarberwurzel, die überall in Europa kultiviert wird. Weich, wohlduftend und fair. Ich versuche durch regelmäßige Posts bei Instagram und Facebook den Followern einen Einblick in die Produktionskette von ELAICE zu gewähren und gehe da besonders auf das Rhabarberleder ein, denn die Kundinnen tragen die Lingerie ja letztendlich direkt auf ihrer Haut.

GD: Auf welche Hürden bist Du denn bei der Entwicklung dieses neuartigen Produktes gestoßen?

AMB: Eine große Hürde, ganz am Anfang, war die Spitze. Es hat viel Zeit in Anspruch genommen, diverse Techniken auszuprobieren und mich am Ende für eine passende zu entscheiden.

Eine weitere kam dann erst relativ spät dazu, nämlich die Verarbeitung des Leders. Das Rindsleder ist an sich, mit 1.4 mm recht kräftig, und demnach schwer zu feiner Lingerie zu verarbeiten. Dank der Unterstützung eines tollen Netzwerks in Berlin war es mir dann möglich jemanden zu finden, der mir die Nahtzugaben des Leders schärft, sodass am Ende eine feine Naht möglich war.

Zuletzt ist es eine kleine Herausforderung, Vertrauen zu den Kunden aufzubauen, was das Thema Produktpflege angeht. Hierzu plane ich jetzt, persönliche Termine anzubieten, sodass sich die Kunden vor Ort von der Qualität des Leders und die dazugehörige Pflege überzeugen können, denn eigentlich ist die Lederpflege leicht (Näheres dazu hier) und macht die Produkte über viele Jahre zu einem treuen Begleiter.

GD: Unsere letzte Frage wäre: Was sind Deine nächsten Ziele mit ELAICE?

AMB: Das einfache Shop- System der Homepage ermöglicht momentan einen Kauf rund um die Uhr. Man kann die Leder- Lingerie über Konfektionsgrößen bestellen – inklusive einer Umtauschfunktion, sodass Vertrauen zum Kunden aufgebaut wird und die Produkte in Ruhe anprobiert werden können. Das nächste Ziel werden die persönlichen Termine sein, wo sich Kundinnen von den Produkten ein Bild machen und in Ruhe die einzelnen Teile anprobieren können.

Dass ELAICE Couture auf längere Sicht einen Vertrieb durch Kaufhäuser und exquisite Einzelhändler umsetzt, ist ebenfalls nicht auszuschließen.

Zudem werde ich meine Produktpalette um Accessoires erweitern, die für den kleinen Geldbeutel erschwinglich sein sollen.

GD: Danke für dieses super informative Gespräch! Wir wünschen Dir viel Erfolg.

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