Meine neue Lieblingskette

fashion & art, Flohmarkt

Neulich war ich an einem verregnetem Tag auf dem RAW-Gelände. Eigentlich sollte Flohmarkt sein, aber nur wenige Stände waren aufgebaut. Im Regen stand eine junge Frau, sie verkaufte selbstgemachten Schmuck. Zwei Männer beugten sich interessiert darüber: „Jewagtes Thema“ sagte der eine. Neugierig schaute ich genauer hin. Auf Ringen und an Ketten waren Vulven umringt von Blumen und Blättern. Ich war begeistert und lächelte ihr verschwörerisch zu. Später kaufte ich eine Kette.                                                                                                                                                                                                        Eine Woche später am Maybachufer: Schon wieder ein Stand mit Vulva-Ketten. Diesmal aus Ton. Es gab auch ein Vulva-Malbuch. Und Vulva-Schalen. Auf dem Heimweg sah ich an einer Laterne einen Sticker mit einer Vulva drauf. Ganz schön viele Vulven plötzlich, dachte ich.

„Vulva, was ist das denn?“, fragen mich Leute, wenn ich anfange von meiner neuen Lieblingskette zu reden. Ziemlich genau die Hälfte der Menschen haben eine Vulva, nur weiß kaum jemand, dass es Vulva heißt. Viele sagen dazu Vagina, aber das ist ungenau. Die Vagina ist nämlich eigentlich nur der Kanal, der die Vulva, die all das ist, was man von außen sehen kann, mit den inneren Geschlechtsanlagen verbindet.                                                                                                                                                 Aber warum weiß das niemand?                                                                                                                                                             Die Antwort darauf ist gleichzeitig auch die Frage, warum jetzt plötzlich überall Vulven auftauchen. Zum Rumtragen als Ketten und Taschen, zum Ausmalen in Malbüchern, zum Weitergeben als Sticker und Postkarten.

Wenn man jetzt denkt “Oh iiiih, das ist doch irgendwie voll eklig“, dann sollte man sich mal fragen, warum man eine Vulva eklig findet.                                                                                                                                                                                                Natürlich kann man nichts dafür, wenn man eine Vulva eklig findet. In unserer Gesellschaft ist es nämlich leider einfach so, dass eine Vulva oft mit Scham und Ekel behaftet ist. Das sieht man ja schon daran, dass wir nicht einmal den richtigen Namen dafür kennen. Weil wir es so peinlich finden darüber zu reden. Wir sagen lieber „da unten“, oder „Mumu“ oder „Scheide“ und werden ganz rot dabei. Für Penis gibt es viel bessere Wörter: z.B. Schwert oder Hammer, das ist auf vielen Sprachen so. Oft wird die Vagina deswegen entsprechend „Loch“ oder „Schlitz“ genannt. Als wäre die Vagina einfach nur dazu da, um einen Penis reinzustecken. Dass Menschen mit Vulva auch ohne von einem Penis penetriert zu werden Lust empfinden können (dazu braucht es die Klitoris), ist auch noch nicht hundertprozentig in unserer Gesellschaft angekommen.

Lange Zeit war es extrem wichtig, die Sexualität von Frauen* zu kontrollieren. Man wollte nicht wahr haben, dass Frauen* Lust empfinden können, ja dass überhaupt darüber geredet wird. Die Unterdrückung der weiblichen Sexualität war wichtig für die Erhaltung des Patriarchats (das heißt, dass Männer eine Vormachtstellung haben)1. Daher kommt die leider immer noch häufige Bewertung von Frauen, die auch Sex haben wollen, als Schlampen. Es gibt aber auch die entgegengesetzte Verurteilung: Eine Frau*, die keine Lust auf Sex hat, ist prüde. Was für eine Logik!!                                                                                                          Die unterschiedliche Bewertung von Penis und Vulva zeigt eine Szene in dem Film #femalepleasure: Eine japanische Künstlerin hat ihre Vulva digitalisiert und daraus ein Boot mit einem 3D-Drucker gedruckt. Als sie mit dem Boot in der Öffentlichkeit unterwegs war, wurde sie wegen Obszönität verhaftet. Gleichzeitig wird in Japan jedes Jahr ein riesiges Phallus-Fest gefeiert, bei dem gigantische Penisse durch die Straßen getragen werden und alle Menschen an Penis-Eis lutschen. Ziemlich komisch!

Kein Wunder also, dass viele Menschen mit Vulva keine Ahnung haben, wie sie aussieht. Ist ja auch nicht so einfach, die eigene Vulva zu sehen – man braucht schon einen Spiegel dazu. Aber weil viele Menschen Vulven sowieso eklig finden, schaut man sich das eigene „da unten“ lieber nicht an, und sich da anfassen geht schon gar nicht. So entwickelt man ein gespaltenes Verhältnis zum eigenen Körper und der eigenen Sexualität.                                                                                                               Das Ergebnis: Vulven sind in der Öffentlichkeit kaum präsent, in Kinderbüchern sieht man bei nackten Mädchen oft einfach nur einen Strich, in Bio-Büchern ist statt einer Vulva meist ein Querschnitt der Geschlechtsorgane dargestellt. Selten sieht man eine Vulva von vorne. Und wenn, dann natürlich ohne Haare.                                                                                                                            Aber um Haare geht es gerade ja gar nicht.                                                                                                                                               Sondern darum, dass man so wenige Vulven sieht, dass man keine Ahnung hat, dass es total viele verschiedene gibt. Am häufigsten begegnen Vulven in Pornos, aber die sind nun so wenig exemplarisch wie die Figuren der meisten Laufsteg-Models für normale Menschen. Wer nur die ‚frisierten‘ Porno-Vulven kennt, denkt vielleicht, dass die eigene Vulva hässlich ist, weil z.B. alles mehr schlabbert und faltig ist oder die inneren Schamlippen zu lang sind. Inzwischen gibt es einen Trend zur Schamlippenverkleinerung, damit alles so aussieht, wie bei jungen Mädchen. Lolita lässt grüßen …

Doch es gibt Hoffnung: In der letzten Zeit erleben wir eine neue Welle des Feminismus. Viele junge Menschen bezeichnen sich ganz selbstverstänslich als Feminist*innen. Und einige von ihnen wollen, dass Frauen* selbstbewusster in ihrem Körper leben können. Die Enttabuisierung der Vulva ist ein wichtiger Schritt dahin. Mit Ketten, Postkarten und Stickern wird die Vulva in den öffentlichen Raum getragen. Und je mehr man davon sieht, desto selbstverständlicher wird der Anblick und desto weniger ekelt man sich hoffentlich. Gleichzeitig wird durch die vielen unterschiedlichen Gestaltungen deutlich, dass keine Vulva der anderen gleicht in Form, Größe, Farbe, … So wird deutlich: Es gibt so viele verschiedene Vulven, wie es Menschen mit Vulven gibt. Und das ist – super!

Viva la Vulva!

 

 

1 Warum ist die Kontrolle der weiblichen Sexualität für die Erhaltung des Patriarchats so wichtig?

Das Patriarchat bezeichnet wie schon gesagt, unser Gesellschaftssystem in dem bestimmte Strukturen zu einer Vormachtstellung von Männern führen und Frauen* klein gehalten werden. Im Patriarchat haben Männer die Macht, sie bestimmen, sie haben mehr Rechte. Um das zu legitimieren hat man versucht Frauen* biologisch bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. Zum Beispiel: Frauen* sind schwach, umsorgend, liebevoll, nicht intellektuell.

So konnten sich Frauen* prima einfach nur um die Familie kümmern und denken, dass das das tollste ist, was sie im Leben machen können.                                                                                                                                                                                       Schwierig wäre es geworden, wenn Frauen* ein eigener Sexualtrieb anerkannt worden wäre. Männer galten und gelten immer noch als sexuell unberechenbar. Wenn ein Mann mit vielen Frauen schläft, kann er nichts dafür. Das ist ja seine Natur. Im Englischen sagt man „boys will be boys“.                                                                                                                                              Aber Frauen* sind ja nicht so. Die brauchen nur einen Mann, der sie glücklich macht. Und als Dank dafür von einem Mann ausgesucht worden zu sein, kümmert man sich liebevoll um ihn und erfüllt ihm all seine Wünsche. Die Familie gehört dem Mann. Er entscheidet über Frau* und Kinder. Deshalb muss er auch wissen, dass die Kinder auch wirklich seine sind. Wenn Frauen mit mehreren Männern schlafen würden, könnte man sich ja gar nicht sicher sein, wessen Kind sie in sich trägt und das wäre echt problematisch. Also sagt man einfach: Die Frau* an sich verspürt keine Lust. Sie hat allerdings ein Geschlechtsorgan, das danach schreit ausgefüllt zu werden. Denn das Organ ist ein Loch, und Löcher müssen gefüllt werden. Deshalb muss eine Frau* einen (und nur einen) Mann haben, der das Loch ausfüllen kann.

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