Ist euch der Klimawandel egal?

2019, berlinfashionweek, culture, exhibitions, Fashion, menswear, nachhaltigkeit

Liebe Modewelt!

Hier sind ein paar Dinge, die ich mir wünsche. Und zwar von euch allen, die ihr etwas zu sagen oder entscheiden habt.Eigentlich wollte ich diesen Artikel für einen anderen Modeblog schreiben, aber da war meine Kritik an euch nicht so willkommen. Denn anscheinend sind die Brillen, durch die ich die Modewelt sehe unfair. Aber ich denke, das sollen alle lieber selbst entscheiden.

Wenn ich auf Modeevents unterwegs bin ist sie immer dabei, meine Gender-Brille. Durch sie kann man sehen, dass es vor kurzem einen Hype um Statement-Shirts mit dem Slogan „Feminist“ gab, aber hinter den Kulissen unendlich viele Frauen ausgebeutet wurden, um die Shirts herzustellen. Man sieht Werbung für Mode, die an Vergewaltigungen erinnert. Man sieht nie Leute in der Werbung, die halbwegs so aussehen wie man selbst und man sieht in jedem Laden für Mode eine Abteilung für Männer und eine für Frauen. Als ob es nur Männer und Frauen gibt und diese so unterschiedlich sind, dass sie zwei ganz unterschiedliche Arten von Kleidung tragen müssten.
Auch auf der Panorama Messe, einer wichtigen Modemesse während der Berliner Modewelt, hatte ich die Gender-Brille dabei und ich muss zugeben; auf den ersten Blick sah alles ganz okay aus. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich zuerst in den Hallen für Damenmode unterwegs war.
Denn irgendwie hat es für Frauen ganz gut geklappt, dass sie sich mittlerweile ganz so kleiden können, wie es zu ihnen passt. Egal ob sie Lust auf Hosen oder Röcke haben, auf Rüschen und Volants oder Nieten und Sicherheitsnadeln; Alles ist akzeptiert, bei wenigen Outfits würde die Mehrheit der Menschen sich umdrehen und denken „Also sowas! Das gehört sich aber nicht für ein Mädchen“. Und so sah es auch aus auf der Panorama aus. Für Frauen gab es so ziemlich alles! Obwohl man bemerken muss, dass es einen Trend weg von Hosen wieder hin zu luftigen langen Kleidern geben wird.
Auf jeden Fall war mir meine Gender-Brille schon fast wieder von der Nase gerutscht als ich in eine Halle kam, in der es ganz offensichtlich nur Herrenkleidung gab. Das war jedoch so auffällig, dass ich die Brille ganz schnell wieder an ihren Platz schob.
Was man mit neutralem Blick sehen konnte: Graue, blaue, kalte Wände. Minimalistische Regale im Industrie-Charme. Hemden, Hemden, Hemden.
Was man durch die Gender-Brille sehen konnte: Dass sich die Modewelt offensichtlich scheut Männern mehr Farben als blau, dunkelgrün und grau zugestehen. Dass die Modewelt denkt „echte“ Männer (und das heißt alle) mögen es minimalistisch, edel und sind distanziert. Dass die Modewelt denkt alle Männer tragen jeden Tag ein Hemd, dazu Fliege, Budapester und (ganz cool) Hosenträger. Während Frauen sich längst vom rosa befreit haben, haben erst wenige verstanden, dass hellblau genauso toxisch sein kann.Warum können Männer nicht gerne knallige Farben tragen? Und zwar auf einem Kapuzenpulli und nicht auf einem Hipster-Hemd mit bunten Papageien? Warum gehen anscheinend alle davon aus, dass Männer den ganzen Tag arbeiten und zwar in so einem wichtigen und gut bezahlten Job, dass sie immer ein Hemd tragen? Wer macht Mode für Männer, die im Sommer auch gerne ein kühlendes Lüftchen beim Tragen eines Rockes genießen wollen? Und wer macht eigentlich Mode für Menschen, die überhaupt keine Lust auf dieses ewige einteilen in Geschlechter haben? Die Damenmode hat wahrscheinlich noch am ehesten etwas für alle Geschmäcker parat, aber was wenn der eigene Körper dann nicht den Körpern entspricht für die die Schnitte erstellt wurden?
Die Gender Brille zeigt: Mode muss wegkommen von dieser Einteilung in Frauen und Männer und endlich Mode für alle machen!

In der Handtasche, die ich dabei hatte, weil Frauenkleidung leider immer noch so oft keine Taschen hat, befand sich noch eine Brille: Die Nachhaltigeits-Brille. Und ich muss sagen, ich kann mir nicht erklären, wie man diese Brille unfair finden kann.Vor allem wenn man die Modewelt betrachtet kann diese Brille einfach nicht unfair sein. Die Modeindustrie ist laut einem Artikel der Schweizer Zeitung „Blick“ die zweitgrößte Industrie, die für den Klimawandel verantwortlich ist. Da darf die Nachhaltigkeits-Brille eigentlich bei keinem Modeunternehmen fehlen. Aber irgendwie versteht das anscheinend niemand.
Bei der Planung der Panorama jedenfalls hatte wahrscheinlich nur eine Praktikantin die Brille auf und auf ihre Einwürfe zum Thema Nachhaltigkeit musste man wenigstens ein bisschen eingehen. Deshalb gab es dann wahrscheinlich diese eine kleine Halle für nachhaltige Mode. Leider sah die super öko aus und eigentlich hat sich fast niemand für sie interessiert. Aber gut, wenigstens kann die Panorama jetzt sagen, dass sie Nachhaltigkeit auch suuuper wichtig findet.
Das bringt aber alles nichts, wenn man dann beim Rest so inkonsequent ist. Ein Beispiel: Alle 10 Meter stand ein Wagen rum bei dem man Cappuccino für 3,90 Euro kaufen konnte. Bei dem meiner Wahl waren leider irgendwie nur Pappbecher zu sehen:
„Habt ihr auch normale Tassen?“
„normal?“
„ähm ja, also kein Wegwerfbecher“
„Achso nee, das haben wir nicht. Das wäre zu viel Aufwand für so viele Leute zu spülen…“

…..

Wow, einfach Wow! Wie kann man eigentlich so kurzsichtig sein! Dass so viele Leute bei euch Kaffee trinken und es viel Aufwand wäre Tassen zu spülen, ist ein Anzeichen dafür, dass es einen echten Unterschied machen würde, wenn ihr auf Wegwerfbecher verzichten würdet! Aber wenn ihr einfach macht, was am bequemsten ist, dann müsst ihr auch in Kauf nehmen, dass jemand später über die Panorama schreibt: Die Modeindustrie ist die zweitgrößte für den Klimawandel verantwortliche Industrie, doch den Veranstalter*innen der Panorama scheint das noch niemand gesagt zu haben. Oder aber es ist ihnen total egal!

Liebe Modewelt!
Bitte denk darüber nach und versuch mal die beiden Brillen immer griffbereit zu halten!

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